Weggesperrt und vergessen

17. Juli 2006, 16:52
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Der jüdische Friedhof verfällt - Die Stadt unternimmt nun einen neuen Anlauf zur Sanierung

Der frische Schnee sorgte Montagvormittag für ein trügerisches Bild der Idylle im jüdischen Friedhof in Wien-Währing. So schön er wirkt, so verfallen ist er in Wirklichkeit: umgefallene Grabsteine, der Sandstein zerstört, eingestürzte Gruftanlagen, Wildwuchs der Pflanzen, der den Gräbern zusetzt. An die 9000 Gräber habe es ursprünglich gegeben, heute seien es 7000, erklärte die Historikerin Tina Walzer bei einer Führung durch das 20.000 Quadratmeter große Areal.

Walzer kämpft seit Jahren um die Erhaltung. Der Zustand des Friedhofes sei derart schlimm, dass aus Haftungsgründen der Zutritt gesperrt sei, so die Historikerin. Wer rein will, braucht eine Genehmigung. Aber Touristen verirren sich so und so nicht hin. Das Kulturdenkmal in der Schrottenbachgasse stirbt im Stillen. Dabei ist es – neben jenem in St. Marx – der letzte existierende Biedermeier- Friedhof. Dass er in der NS- Zeit nicht völlig zerstört wurde, verdankt Wien übrigens einem Beamten. Der hat den Friedhof damals als Vogelschutzgebiet umgewidmet.

Grüne fordern Sanierung

Der Wiener Grünen-Gemeinderat Marco Schreuder fordert nun die Sanierung und Wiedereröffnung. Einen Plan zur Rettung gibt es längst. Im Jänner 2002 hat ihn der Restitutionsbeauftragte der Stadt Wien, Kurt Scholz, präsentiert. Bis Ende 2003 wollte er das "kulturhistorische Juwel" in Stand gesetzt haben. Geschehen ist nichts. Auch, dass sich Österreich im "Washingtoner Abkommen" 2001, zur Pflege der jüdischen Friedhöfe verpflichtet hat, änderte nichts. Gepflegt werde der Friedhof derzeit gar nicht, sagt Walzer. Nur ein Baumschnitt sei vom Stadtgartenamt finanziert worden.

Rieder schlägt Stiftungslösung vor

Montagnachmittag hat Finanzstadtrat Sepp Rieder (SPÖ) reagiert. Er schlägt nun eine Stiftungslösung vor. Bund, Stadt und private Geldgeber könnten damit eine umfassende Sanierung des Areals ermöglichen. Rieder habe darüber laut eigenen Angaben bereits mit der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) gesprochen. Diese sei auch, sagte Rieder, für eine etwaige Öffnung für Besucher zuständig. Denn, erklärte Rieder: "Der Währinger Friedhof befindet sich im Grundeigentum der IKG. Er wird auch von ihr verwaltet." (pm, DER STANDARD-Printausgabe 28.02.2006)

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    7000 Grabsteine sind am jüdischen Friedhof in Wien-Währing noch erhalten. Gepflegt werden sie allerdings schon lange nicht mehr.

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