Zahnspaltpest

28. Februar 2006, 19:24
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Wer sich das Wiener U-Bahn-Netz als Grundlage fürs Anagram-Basteln hernimmt, verwirrt, frustriert und begeistert so ziemlich jeden

Es war heute. Und eigentlich kann ich eh nur den Hut ziehen und gratulieren. Aber weil ich vor Lachen einigermaßen Seitenstechen habe (und die Leute neben und hinter mir im Großraumbüro sich zum einen schon wegen ungebührlicher Lärmerregung aufregen oder mit lauten „will auch haben“-Rufen den anderen Kollegen das Weiterhackeln noch schwerer machen) spar ich mir das Gratulieren – und poste einfach den Link weiter.

Aber jetzt – etwa zehn Minuten später – glaube ich, dass das ein Fehler war. Weil ich auf der Verliererstarße unterwegs bin. Beziehungsweise: Weil die Kollegen sich jetzt gegenseitig auf die Schultern klopfen – und mich gerade noch bemitleiden. Kein Wunder: Wenn einer feststellt, dass er die U-Bahn jeden Tag bei „Kerl im Häubchen“ besteigt, um sie dann in „Regenhasser“ wieder zu verlassen, ist das schon was anderes, als wenn man – so wie ich - bloß mit „Spargel Sigma“ auftrumpfen kann. Noch dazu während andere sich Heroisches („Unbeugsames Amt“, Försters Eisenhand“ oder „Adeslretter für SOS“ etwa) umhängen dürfen.

Darum – und trotz aller Fröhlichkeit: Ich werde vielleicht doch ein ernstes Wort mit dem Anagram-Texter der Wiener U-Bahn-Landkarte reden müssen ­ aber andererseits: Wer soviel Zeit für kompletten Unsinn hat, hat vermutlich keinen Sinn für die Tragödien, die er damit auslösen kann, wenn er sich in einer ruhigen Minute („Minute?“ hollert es hinter mir los, 2bist du gestört? Sowas Krankes zu ersinnen braucht Stunden. Wenn nicht tage. Und eine ganze Menge von Hilfsmitteln, von denen ich nicht wissen will, ob sie legal sind – aber ich will sie auch haben!“) hinsetzt, und aus den Stationsnamen des Wiener U-Bahn-Netzes Anagramme bastelt.

Andererseits: Mit meinem „Spargel Sigma“ habe ich es ja immer noch halbwegs gut erwischt. Besser jedenfalls, als alle, die an der „Arschtest Geste“ wohnen. Oder in „Da steht´s lesbar: Gulag“ zur Arbeit müssen. Im „Zystenportal“ oder neben eine „LA Skinhead“ zu hausen, stelle ich mir auch wenig sexy vor ­ und der Geruch einer Gegend, die „Alter aal“ heißt ... aber lassen wir das. Ebenso wie alles, was Kollegin B. (gerade auf Wohnungssuche) gerade über Wohnadressen wie „Hasch Salsa gesucht!“ und „Rasantes LSD“ assoziiert ­ und klip0p und klar feststellt, dass sie weder in „Sauhart“ noch nahe „Gewisser Starre nahe: Volkers PO“ wohnen möchte ­ und in jedem Fall den „Ausbausegen“ besser findet, als die „Kursiven Leichname“ Transdanubiens.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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