"Belgrad verantwortlich für Völkermord"

9. März 2006, 14:59
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Bosnien will vor dem Internationalen Gerichtshof die Rolle Serbiens klären lassen

Vor 13 Jahren hatte die Regierung von Bosnien-Herzegowina beim Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag gegen die Bundesrepublik Jugoslawien wegen Völkermord geklagt - in der Hoffnung, die ethnischen Säuberungen durch serbische Milizen und die Belagerung Sarajevos zu stoppen. Am Montag begann vor dem IGH die Anhörung.

Für die bosnische Regierung geht es bei der Verhandlung auch um politische Ziele. "Das Allerwichtigste ist, dass ein für alle Mal festgestellt wird, dass in Bosnien ein Völkermord stattgefunden hat, dass Belgrad dafür verantwortlich ist und dass Belgrad nicht länger eine andere Version der Geschichte aufrechterhalten kann", sagt der Anwalt Phon van den Biesen in einem Interview mit der niederländischen Zeitung Volkskrant.

Er verfüge über ausreichende Beweise für die aktive Rolle des serbischen Staates im Bosnienkrieg und könne beweisen, dass die bosnisch-serbischen Milizen Waffen und Geld aus Belgrad erhalten haben.

Mahnwache im Haager Friedenspalast

Hunderte Überlebende hatten vor Verhandlungsbeginn im Haager Friedenspalast eine Mahnwache abgehalten und die Namen der bosnischen Opfer vorgelesen. Nach Schätzungen unabhängiger Experten sind im Zuge des Bosnienkrieges 65.000 bosnische Moslems, 25.000 Serben und 5000 Kroaten umgekommen.

In seiner Beweisführung will sich der Rechtsvertreter Bosniens auf das Massaker von Srebrenica im Juli 1995 konzentrieren. General Ratko Mladics Truppen hatten nach dem Fall der UNO-Enklave rund 8000 muslimische Männer und Burschen exekutiert. Das ebenfalls in Den Haag ansässige UN-Kriegsverbrechertribunal hat bereits geurteilt, dass es sich bei Srebrenica um Völkermord handelte.

Gibt der IGH der bosnischen Klage Recht, kann Serbien-Montenegro als Rechtsnachfolger des ehemaligen Jugoslawien zu Entschädigungszahlungen in der Höhe von mehreren Milliarden Euro verurteilt werden. Das Urteil wird für 9. Mai erwartet. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.02.2006)

Von Barbara Hoheneder aus Den Haag
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    Der Internationale Gerichtshof beginnt mit der Anhörung zur Völkermordklage gegen Serbien-Montenegro.

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