Im Wettlauf mit dem Virus

5. März 2006, 19:05
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Wissenschafter sind sich einig: Im Kampf gegen die Vogelgrippe muss man im Fall einer Pandemie schnell handeln

Ein Impfstoff muss her - doch derzeitige Produktionen sind vermutlich zu früh.

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Mit jedem Tag steigt das Risiko, dass die tödliche Vogelgrippe auch für Menschen gefährlich wird. Weltweit sind seit 2003 dem Vogelgrippe-Virus 92 Menschen zum Opfer gefallen - das ist der Stand von Mitte der Vorwoche. Sie alle waren in direkten Kontakt mit kranken Vögeln geraten. Viel mehr werden sterben, wenn das Virus mutiert. Und zwar so, dass es von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. "Wie hoch das Risiko einer solchen Mutation ist, lässt sich nicht beziffern", sagt der Wiener Virologe Franz Xaver Heinz. Logisch sei jedoch: Mit jedem neu infizierten Schwan, mit jeder Ente steigt die statistische Wahrscheinlichkeit, dass das Virus A/H5N1 zu einem Menschenvirus mutiert.

Das deutsche Robert-Koch-Institut warnt: Das Risiko einer Pandemie sei derzeit so hoch "wie seit Jahrzehnten nicht". Optimisten glauben trotz dieser düsteren Vorzeichen zu wissen, wie der mögliche Tod von hunderttausenden Menschen zu verhindern ist. In Österreich, Deutschland und Frankreich wird versucht, die Seuchenausbreitung durch Schutzzonen und Stallpflicht für Geflügel einzudämmen. Das wird angesichts der Natur der Zugvögel auf Dauer zu wenig sein - das sagt erstens der Hausverstand und zweitens eine in der Vorwoche präsentierte Studie der Harvard School of Public Health. Die Seuche werde weiterhin an unterschiedlichsten Orten auftreten, so die Forscher. Ein "Containment" aller Herde sei unmöglich. Immerhin: Ohne Maßnahmen würde sich die Seuche doppelt so schnell über den Globus verbreiten. Dass das Virus für Menschen gefährlich werden kann, liegt an der Instabilität seiner Erbsubstanz.

Die ist in mehrere Segmente unterteilt, das macht folgendes Horrorszenario möglich: Ein Tier, etwa ein Schwein, wird gleichzeitig mit menschlichen Grippeviren und A/H5N1 infiziert. In einer Zelle tauschen die beiden Erreger Segmente ihres Erbgutes aus, und so entsteht ein neues Supervirus: so aggressiv wie die Vogelgrippe-Erreger und unter Menschen so ansteckend wie die gewöhnliche Influenza. Eine andere Gefahr ist eine "konventionelle" Veränderung des Virus. Mit jeder neuen Generation entstehen kleine Abweichungen vom ursprünglichen Bauplan, eben Mutationen. "Schon die Veränderung von wenigen Nukleotiden kann unter Umständen ausreichen, um ein von Mensch zu Mensch übertragbares Virus entstehen zu lassen", warnt der an der Wiener Veterinär-Universität und in den Vereinigten Arabischen Emiraten lehrende Virologe Norbert Nowotny.

Derzeit gibt es dafür aber noch keinerlei Anzeichen. Dennoch erinnern Experten daran, dass auch die Spanische Grippe des Winters 1918/ 1919 von mutierten Vogelviren ausgelöst wurde. Damals starben weltweit mindestens 30 Millionen Menschen. Heute könnte mit modernen Medikamenten geholfen werden. "Allerdings nur, wenn sie rechtzeitig eingenommen werden", schränkt Heinz ein. "Wenn diese Grippepillen nicht sofort nach Auftreten der ersten Symptome eingenommen werden, richten sie nicht viel aus."

Bleibt die Möglichkeit von Schutzimpfungen. Doch auch hier gibt es einen Haken: Von der Entdeckung des neuen Virus bis zur Auslieferung der ersten maßgeschneiderten Impfstoffchargen würden mit heute verfügbaren Methoden mindestens drei Monate vergehen. Baxter verkündete am Freitag, zwei Millionen Dosen eines Impfstoffes gegen A/ H5N1 herzustellen. Der Nachteil dieses Schnellschusses: Noch weiß niemand, ob ein Pandemievirus tatsächlich diese Struktur aufweisen wird, ob dieser Impfstoff also schützen wird. Hilft also nur eines: Aufmerksamkeit, um neu auftauchende Seuchenherde rasch zu entdecken, und schnelle Reaktion. Britische Forscher haben im August errechnet: Wenn innerhalb von zwei Tagen gehandelt wird, kann ein lokaler Seuchenausbruch auf 150 Personen begrenzt werden. Damit ließe sich Zeit gewinnen - im Idealfall so lange, bis ein passender Impfstoff verfügbar ist. (derk/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 2. 2006)

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