Tugend musiziert, Pudel spaziert

3. März 2006, 22:30
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Die Wiener Philharmoniker und Riccardo Muti im Musikverein

Wien - Der Anfang war unfassbar, wunderbar, die frühe Klimax des Konzerts. Nein, es waren keine Klänge, welche die Wiener Philharmoniker bei Schuberts dritter Rosamunde-Zwischenaktsmusik in den Großen Musikvereinssaal fließen ließen, es waren akustische Streicheleinheiten. Zauberzart. Vom allerersten Ton an verwoben zu einer Einheit folgte der Klangkörper den behutsamen interpretatorischen Lenkaktionen Riccardo Mutis wie ein feinnervig-folgsamer Tanzpartner.

Seit 1863 führen die Philharmoniker Mozarts Sinfonia concertante für Violine, Viola und Orchester KV 364 im Repertoire, und mit Schrecken erinnerte man sich kurz an die letzte Aufführung des Werkes zu Mariä Empfängnis, als Konzertmeister Rainer Küchl sich herrisch durch seinen Solopart gefightet und Bratschist Heinrich Koll mühevoll der Rugby-Manier seines Philharmonischen Kollegen zu folgen versucht hatte. An diesem Wochenende übernahm Küchls Konzertmeister- und Vornamenskollege Rainer Honeck den Solopart, wobei sich der gebürtige Vorarlberger sehr um eine nach außen wirkende, solistische Vitalität bemühte, Tobias Lea an der Bratsche hingegen eher dem tugendsamen, solipsistischen Musizieren verhaftet blieb.

Mozart, von Muti interpretiert, erinnert ja gerne an einen frisch ondulierten Pudel, welcher, mit rosa Schleifchen im Haar, graziös seiner Wege trippelt - bei diesem Werk trippelte das Tierchen allerdings einige Male dermaßen gewinnend Crescendo- und Decrescendopfade rauf und runter, dass man dem Italiener alles Feinfrisierende nachsah.

Béla Bartóks Debussy-affine Zwei Bilder für Orchester op. 10 und Paul Hindemiths franziskanische Orchestersuite Nobilissima Visione wurden schlussendlich mit respektabler Sattelfestigkeit präsentiert, ohne jedoch zu jenen Höhenflügen zu finden, wie sie sich beim Schubert ereignet hatten. Freundlicher Abonnentenapplaus im Musikverein, für Muti, den heimlichen Chefdirigenten der Philharmoniker, der in dieser Saison ein gutes Viertel der rund 100 Konzerte des österreichischen "Nationalsymbols" leitet. (Stefan Ender/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 2. 2006)

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