Breite Mediendebatte über Mordfall Halimi

3. März 2006, 15:28
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"Schrecklichste Epidemie des Antisemitismus"

Von den Leitartikeln und Leserbriefen bis in viele Internetblogs hat der Mordfall Halimi enormen Widerhall gefunden. Er zeigt die gesellschaftspolitische Brisanz der Affäre auf, lässt aber auch eine anhaltende Unsicherheit in ihrer Beurteilung erkennen. Daniel Schneidermann, der Medienchronist von Libération, hat das Lavieren der Zeitungen selbst zum Gegenstand einer Kolumne gemacht.

Seit der Fall bekannt wurde, seien die Medien "herumgeschwommen" und hätten Angst gehabt, die Sache zu groß oder zu klein zu "spielen". Typisch erscheint Schneidermann die widerspruchsvolle Berichterstattung in Le Monde, die an ein und demselben Tag in ihrer Papierausgabe einen Artikel publizierte, wonach die Polizei das antisemitische Motiv "reserviert" sehe, während in der Internetausgabe das Gegenteil behauptet wurde.

Motive ausleuchten

Wenn es nach Esther Benbessa, Studienleiterin an der "Ecole pratique des hautes études" geht, dann wäre der Fall auf den Chronikseiten besser aufgehoben als auf den politischen. In einem Gastkommentar für Le Monde warnt Benbessa davor, aus einem "schändlichen Verbrechen" auch gleich ein antisemitisches zu machen, ehe die Motive der "Barbaren" gründlich ausgeleuchtet seien. Andernfalls riskiere man die Beziehungen zwischen Juden, Arabern, Muslimen und Schwarzen in Frankreich erneut zu destabilieren.

Ganz anders der Islamismusforscher Paul Landau, der auf einem Ilan-Halimi-Gedenkblog (blogilan.rmcinfo.fr) in dem Verbrechen einen Akt des Djihad im "ideologischen und symbolischen Kontext des radikalen Islam" sieht. Der Mord an Halimi könnte "Vorbote einer antisemitischen Welle sein, die in ihrer Intensität alle vorhergehenden übertrifft". Abgesehen von den politischen Interpretationen gibt es auch viele Äußerungen menschlicher Anteilnahme wie etwa einen Leserbrief, in dem eine gewisse Francine Girond in Libération der Mutter des Opfers ihr Mitgefühl ausspricht: "Auch ich bin Mutter, und die Folter, die Verstümmelungen, die diesem hübschen Kind von Madame Halimi angetan wurden, müssen uns in allem erschüttern, was unsere Humanität ausmacht. Die schrecklichste Epidemie ist nicht die Vogelgrippe oder sonstige Grippekrankheiten, sondern die Epidemie des Antisemitismus." (DER STANDARD, Printausgabe, 27.02.2006)

Von Christoph Winder
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