"Gibt keinen Grund für Abwanderung"

9. März 2006, 16:55
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Neben dem Straßen­verkehr produzieren Industrie und Energie­konzerne am meisten Treibhausgase - Umwelt­minister Josef Pröll im Gespräch mit dem STANDARD

STANDARD: Im japanischen Umweltministerium wird aus Klimaschutzgründen weniger geheizt, die Beamten ziehen lange Unterhosen an. Tragen Sie auch schon so einen Liebestöter?

Pröll: (lacht, schiebt ein Hosenbein hinauf, zeigt sein nacktes Bein): Nein. Es gibt viele Maßnahmen. Alle bringen zum Ausdruck, dass Klimaschutz jeden Einzelnen angeht.

STANDARD: Kann Österreich mit Radfahren sein Klimaziel, bis 2012 um 13 Prozent weniger Emissionen als im Basisjahr 1990, je erreichen?

Pröll: Radfahren ist ein Beitrag zur Bewusstseinsbildung. Dafür Werbung zu machen, halte ich für sehr wichtig.

STANDARD: Sie meinen, es ist genug Speck da?

Pröll: Potenzial im Klimaschutz ist im Verkehrsbereich da, dort haben wir die größten Zunahmen. Vor allem im Individualverkehr werden wir um Lenkungsmaßnahmen hin zum Öffi-Nahverkehr nicht herumkommen.

STANDARD: Wo werden Sie einschneiden?

Pröll: Es ist uns gelungen, die CO2-Emissionen von der Verkehrsleistung abzukoppeln und das Inlandsverkehrsaufkommen konstant zu halten. Ein massives Problem ist: Der Tanktourismus nimmt zu. Auch der Lkw-Bereich war 2004 bei den gefahrenen Tonnenkilometern klar rückläufig. Außerdem verbrennen die Automotoren effizienter.

STANDARD: Das sind ja nur Windfall-Profits, die Transportwirtschaft meidet Österreich wegen der hohen Lkw-Maut, wo es geht.

Pröll: Fakt ist, die Fahrleistung ist rückläufig, die getankte Menge ist aber gestiegen. Das müssen wir auf EU-Ebene thematisieren, wie wir mit diesen Berechnungen umgehen. Es kann ja nicht sein, dass allein wegen steuerlicher Unterschiede, zu denen wir uns auch bekennen, die Verantwortung von einem Land ins andere abgeschoben wird. Damit erreichen wir insgesamt nichts bei der CO2-Reduktion.

STANDARD: Dann müssen Sie also froh sein, wenn der Benzinpreis weiter steigt, denn damit kommt der Klimaschutz von selbst, oder?

Pröll: Es ist nicht Sache des Umweltministers sich zu wünschen, dass die Preise steigen oder nicht. Wir müssen unabhängiger werden von fossilen Energiemärkten. Allein mit Biosprit-Beimischung und Biomasse können wir in Österreich über eine Million Tonnen CO2-Reduktion nachweisen. Diesen Wert halte ich für verdoppelbar; mit neuer Motorenentwicklung vielleicht sogar zu verdreifachen.

STANDARD: Die Industrie verlangt die Besteuerung von Kerosin. Was halten Sie davon?

Pröll: Ein Alleingang ist Nonsens. Um eine höhere Effizienz, etwa durch Optimierung der Anflugrouten zu erreichen, könnte die Luftfahrt in den Emissionshandel einbezogen werden. Das geht aber auch nur international.

STANDARD: Beim Hausbrand ist das Problem aber hausgemacht. Was haben Sie da vor?

Pröll: Bei der Raumwärme wirken die Maßnahmen, die Emissionen sind 2004 erstmals rückläufig, obwohl noch nicht alle Bundesländer die Mindeststandards implementiert haben. Obwohl Wohnfläche und Anzahl der Hauptwohnsitze gestiegen sind, ist der CO2-Ausstoß grosso modo konstant geblieben.

STANDARD: 2006 wird das Pendel wohl zurückschlagen, es ist kälter, gibt mehr Heiztage?

Pröll: Nicht nur. In den Haushalten wird bereits anders gewirtschaftet. Alte Heizkessel werden ausgetauscht, es werden so viele Pellets- und Biomasseheizungen verkauft wie nie.

STANDARD: Die Industrie wehrt sich bereits prophylaktisch gegen weitere Belastungen aus dem Emissionshandel. Berechtigt? Der Ausstoß ist ja weniger stark gestiegen als befürchtet.

Pröll: Stimmt. Die Effizienz der heimischen Industrie ist sehr hoch. Wir sind beim Verhältnis von CO2-Ausstoß zu Bruttoinlandsprodukt das drittbeste EU-Land, und beim CO2-Ausstoß pro Kopf an fünftbester Stelle. Klar ist aber: Böhler, Voestalpine und Verbund schreiben gute Gewinne, ich kann nur gratulieren. Ich werde mir daher auch genau anschauen, in welchem Verhältnis die Kosten für CO2-Zertifikate zu den Betriebsgewinnen stehen.

STANDARD: Die Investoren der Konzerne orientieren sich aber nicht an Kioto-Zielen, sondern geben den Vorständen strenge Renditeziele.

Pröll: Was diese Regierung an steuerlichen Maßnahmen getan hat, ist um eine Potenz, nein, um mehrere Potenzen mehr, als den Unternehmen an Umweltvorgaben jemals aufgebürdet wird! Lebensqualität ist auch ein Standortfaktor. Es gibt keinen Grund, wegen der CO2-Zertifikate abzuwandern. Sicher nicht. (Luise Ungerboeck, Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.2.2006)

Zur Person

Josef Pröll (37), Neffe von Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll, hat an der Universität für Bodenkultur studiert und war Direktor des Bauernbundes. Seit 2002 ist der Vater dreier Kinder Bundesminister für Landwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft
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    Sieht keinen Grund zum Jubeln, glaubt aber, dass klimaschützerisch die Trendwende bereits eingeleitet wurde: Umweltminister Josef Pröll.

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