Schmirgelpapier für die Seele

3. März 2006, 13:02
posten

Magdalena Sadlons bestechender zweiter Roman "Solange es schön ist"

Vielleicht ist die Schriftstellerin Magdalena Sadlon eine Untertreibungskünstlerin. Ihre Bücher erscheinen im Abstand von sechs, sieben Jahren, was für den Literaturbetrieb eine kleine Ewigkeit ist. Und doch schreibt sie unbeirrt seit mehr als zwanzig Jahren mit präziser Sprache und stiller Distanz Lyrik und Prosa.

Ihr letzter, 1999 erschienener Roman Die wunderbaren Wege um einen frühpensionierten Lehrer, ein selbstgerechtes Ekel, der in einen Skandal um sexuelle Belästigung verwickelt war, hat ihr viele Freunde gebracht. Und das völlig zu Recht, Sadlon wird nicht erst seit diesem Text von vielen geschätzt und ist doch zu wenig bekannt. Noch. Vielleicht wird sich das nun mit ihrem neuen Roman ändern.

Weihnachtszeit

Solange es schön ist heißt er, und schon der Titel erschließt Assoziationsräume. Etwa, dass die Zeit zu schnell vergeht oder dass Glück, wenn es nicht vergänglich wäre, aufhörte, Glück zu sein - und fast unwillkürlich bringt man diesen Satz mit der Liebe zusammen. All das spielt in dem Buch eine Rolle, aber nicht nur, denn Sadlon wäre nicht Sadlon, wenn alles so einfach wäre, wie es auf den ersten Blick scheint. Worum also geht es: um ein Mietshaus, besser gesagt um einige seiner Bewohner. Die Handlung spielt um die Weihnachtszeit, wir bewegen uns also in vermintem Gelände.

Geschichten

Vor allem geht es aber um Johanna Brütt, eine attraktive Anwaltssekretärin um die Dreißig, die sich vor einiger Zeit von ihrem Freund getrennt hat. Sie ist das Zentrum des Buches und sie tut sich nicht leicht mit dem Leben, hat es nie getan. "Von klein auf hatte die Mutter ihr eingeredet, daß sie ein undankbares, unbegabtes, häßliches Kind sei", auch der Vater, der freiwillig aus dem Leben schied, war nur kurz präsent.

Doch sicher ist sich der Leser nie, ob das alles stimmt, denn irgendwann begann Johanna, Geschichten über ihr Leben zu erfinden. Geschichten, die eigentlich Notlügen sind, weil sie ohne sie nicht bestehen könnte. "Was wir erfinden, kann nie so schlimm sein, wie das, was wir weglassen", denkt Johanna.

Alltag und Anonymität

Um sie herum sind einige andere Figuren gruppiert, neben Frau Kralik, einer älteren Dame und Hundebesitzerin, etwa der Hausmeister Herr Fuchs, vermeintlich allwissend, wie alle richtigen Hausmeister, der Fotograf Gregor, ein Vorstadt-Casanova, schließlich noch Gregors Geliebte Tina und Robert, Johannas Ex. Sie alle wohnen im Haus oder sind wie Tina und Robert regelmäßige Gäste. Wenn es in einem Roman um ein Haus mit mehreren Parteien geht, kann man davon ausgehen, dass es um Innen und Außen, um Schein und Sein und auch um Alltag und Anonymität geht.

Beziehungsgespräche

Und es ist in der Tat Alltagsstaub und scheinbar Alltägliches, um das es in diesem Roman geht. Der Beruf macht keinen rechten Spaß, Liebespartner verlassen einander, finden auch anderswo nicht das Glück, Kinder geraten anders, als die Eltern es sich vorgestellt haben, Eltern verhalten sich nicht so, wie es Kinder gewünscht hätten, Nachbarn geben ungebeten ihren Senf dazu, unnötige Beziehungsgespräche finden statt, nötige fallen aus usw.

Das alles klingt unspektakulär, ist es aber nicht, einerseits wegen des überraschenden Schlusses des Buches, andererseits spielt Sadlon virtuos mit Innen- und Außensicht der Figuren, mit deren Perspektiven, mit direkter, indirekter und erlebter Rede. Sie versteht es wie wenige, eine Figur in knappen Sätzen zu umreißen und plastisch werden zu lassen. Eigentlich sind diese Figuren ganz unattraktiv - aber das auf anziehende Weise.

Würde man sie kleinbürgerlich oder Idioten nennen, täte man ihnen Unrecht. Sie üben den aufrechten Gang und kommen doch immer wieder ins Stolpern, sie wollen Sicherheit und im Fall von Johanna gleichzeitig auch den Boden unter den Füßen verlieren. Das ist komisch und aufregend zugleich.

Dem Leser den Kopf

Ohne die Figuren mit Thesen oder Sozialkritik anzufüllen, erzählt Sadlon von stadtläufiger Einsamkeit und moderner Orientierungslosigkeit. Und die Liebe? Daran interessiert, sie zu verewigen, ist Sadlon nicht, sie beklagt nicht das traurige Scheitern von Beziehungen, es geht um die Leichtigkeit der Anfänge, die noch in ihren Schlüssen nicht zu Ende sind. Das Glück flackert in ihren Figuren immer wieder auf. Gerade stark genug, um ihnen und auch dem Leser den Kopf zu verdrehen. Alles schwebt in diesem Roman, und formal sitzt es. Schön ist der Text geworden, schlank und ohne Schnörkel. Ein Glücksfall. (ALBUM/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. 2. 2006)

Von Stefan Gmünder

Magdalena Sadlon, "Solange es schön ist". € 15,40/ 112 Seiten. Zsolnay, Wien 2006.

Share if you care.