Ausgezeichnete Jägerin bösartiger Zellen

24. Februar 2006, 21:17
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Veronika Sexl erforscht Arten, Signale und Versteckstrategien von Krebszellen

Diagnose Krebs: Körperzellen haben sich unkontrolliert vermehrt und sind zu Tumoren herangewachsen. Damit ist eine weit verbreitete Krankheit allerdings nur ungenügend beschrieben.

Was verschiedene Krebsarten charakterisiert, wie sich die teilungsfreudigen Zellen verständigen und sich vor dem Immunsystem des Menschen in Sicherheit bringen, erforscht Veronika Sexl an der Medizinischen Universität Wien. Die Pharmakologin und Novartis-Preisträgerin für Medizin 2005 sucht dabei neue Ansatzpunkte für Medikamente: "Wir untersuchen, wie sich die Signalwege bösartiger Zellen von denen gutartiger unterscheiden. Die Krebszellen lernen erst im Lauf ihrer Entwicklung, sich vor dem Immunsystem zu verbergen", erklärt die Wissenschafterin.

Die Jagd auf bösartige Zellen begeistert Sexl, es macht ihr Spaß. "Ein gutes Team und hohe Frustrationstoleranz, gepaart mit einem Schuss Hartnäckigkeit", zeichnet die Forscherin eigenen Angaben zufolge aus. Gute Wissenschaft erfordert für sie den "ständigen Austausch mit Kollegen". An der Pharmakologie fasziniert Sexl "die große Bandbreite. Es war außerdem eines der ersten Fächer im Curriculum, das Vorgänge im Körper auf molekularer Ebene zu erklären versuchte."

1996 ging die im Jahr 1966 geborene Wienerin als Erwin-Schrödinger-Stipendiatin in die Südstaaten der USA. Auch ihren Postdoc absolvierte sie am St. Jude Children's Research Hospital in Memphis (Tennessee): "Es war eine intensive Zeit in einem großartigen Umfeld. Ich durfte forschen, ohne mir über Vorlesungen oder Finanzierungen den Kopf zu zerbrechen." Mit einigen Kollegen von damals arbeitet sie heute noch eng zusammen.

Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem älteren Sohn übersiedelte Sexl 2000 zurück nach Österreich. Mit ihrem Team erforscht sie heute besonders Lymphome, bestimmte Formen von Blutkrebs, und konnte dabei zeigen, dass ein identes Gen bei verschiedenen Lymphomarten das Wachstum entweder hemmt oder herausfordert. Wie sich Krebszellen, die am Beginn einer Tumorerkrankung vom Immunsystem sehr wohl erkannt werden, im Lauf der Zeit quasi unsichtbar machen, ist ein weiteres Forschungsfeld. Am Modellorganismus Maus konnte Sexl zeigen, dass sich der Blutkrebs hemmungslos vermehrt, wenn das Gen für ein schützendes Enzym ausgeschaltet wird. Die Killerzellen der eigenen Abwehr konnten ohne den Katalysator nicht eingreifen.

Große Hoffnung setzt die Pharmaindustrie auf monoklonale Antikörper, weil diese bestimmte Strukturen an der Oberfläche von bösartigen Zellen blockieren können oder die Tumore am Aufbau einer eigenen Blutversorgung hindern. Veronika Sexl hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Wirkungsweise der potenziellen Therapeutika zu entschlüsseln. Freizeit hat die Forscherin und zweifache Mutter kaum: Jede freie Minute nehmen die Kinder - ein und sechs Jahre alt - in Anspruch. Lesen ist ein großes Hobby, "das immer irgendwie zwischendurch geht." Und wenn es das Wetter erlaubt, geht sie mit ihrem Lebenspartner und den beiden Söhnen gerne wandern. (Astrid Kuffner, DER STANDARD, Print, 25./26.2.2006)

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