Ich bin ein Original

2. März 2006, 17:55
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Der Originalbegriff erlaubt uns zu sagen: "Dieses Kunstwerk habe nur ich." Er ist also ein Kapitalbegriff, kein Kunstbegriff - Ein Originalinterview mit Peter Weibel

Der Standard: Hat der Begriff des Originals heute noch irgendeine Signifikanz?

Peter Weibel: Der Begriff Original ist an den Begriff des Kapitals gebunden. Dass es nichts gibt, was mit etwas anderem völlig identisch ist, wissen wir seit Leibnitz. Es hat also mit den Imperativen des Kunsthandels zu tun, dass überhaupt das Bedürfnis entsteht zu sagen: "Das ist das Original. Dieses Kunstwerk ist nur hier und jetzt vorhanden." Der Originalbegriff hat also nur Sinn im Kontext des Eigentumbegriffs des Bürgerlichen Gesetzbuches.

Dennoch ist der Originalbegriff aktueller denn je: Man nimmt weite Reisen auf sich, um einen originalen Rembrandt zu sehen, man pilgert nach Paris, um die "echte" Mona Lisa zu sehen.

Es ist wie mit dem Satz "Gott ist tot". Oft wiederholt - und das Problem blieb doch. So ist es mit dem Originalbegriff. Philosophisch ist die Frage belanglos. Wenn ich Musik kopiere, wird es auch immer eine kleine Differenz geben, die Kopie nie dem Ausgangsprodukt gleichen. Aber es gibt politische und ökonomische Gründe, die Frage nach dem Original virulent zu halten.

Standard: Sie haben interessanterweise nur Beispiele gebracht, für die die alte Vorstellung gilt, die Vorstellung der handwerklichen Erzeugung eines künstlerischen Produkts, das dann nur ein Mal, hier und jetzt, existiert - und keine Beispiele, die die technische Reproduktion schon eingeschrieben haben.

Weibel: Die technische Reproduzierbarkeit macht den Begriff des Originals belanglos. Aber es gibt eben Bewegungen des Marktes, die darauf reagieren. Man macht ein Foto, hat ein Negativ und könnte hundert Abzüge machen, man macht aber nur einen oder wenige - um das Unikat zu retten. Technisch und künstlerisch gibt es dafür gar keinen Grund.

Das Gleiche gilt für Videobänder. Man hat dann Ausstellungen, da gibt es Podeste, auf denen steht ein Fernseher, es läuft ein Video - von dem existiert nur dieses eine Band. Nichts spricht dagegen, tausende Exemplare dieses Videos herzustellen. Das ist im Grunde der Versuch, Industrieproduktionen in Handwerksproduktionen zurückzudrehen. Das ist Etikettenschwindel.

Standard: Dass man sich über den Begriff des Originals überhaupt Gedanken macht, ist ein Symptom dafür, dass es ein Streben nach Aura gibt. Früher gab es die Aura des einzigartigen Objekts, das nur hier und jetzt präsent ist. Verschiebt sich die Aura nicht auf das Künstlersubjekt, das technisch reproduzierten Produkten gewissermaßen Aura verleiht?

Weibel: Das Wort Verschiebung ist symptomatisch - das ist ja ein Wort aus der Psychoanalyse. Das menschliche Begehren nach Aufmerksamkeit, Besonderheit wird verschoben. Es geht in der Konsumkultur um Distinktionsgewinne.

Deswegen der Originalbegriff als Krücke, um sagen zu können: Nur ich habe dieses Werk. Diese Verschiebung geht in diese Richtung: "Ich habe hier eine Lampe. Diese Lampe ist von Zaha Hadid. Die habe nur ich." Entscheidend ist weniger die Lampe, mehr Zaha Hadid.

Standard: Die Lampe muss nicht einmal einzigartig sein: Auch wenn sie hunderttausendfach existiert, funktioniert sie als Differenzgut, solange sie von Zaha Hadid ist.

Weibel: Die Aura Zaha Hadids umgibt dann uns. Das Interessante ist: Die Konsumkultur hat die Aura nicht zerstört, die Aura ist in die Konsumkultur eingewandert. Es ist geradezu paradox: Es gibt die Reproduktion des Auratischen.

Standard: Das Kunstobjekt wird zur Ware, die Ware wird zur Kulturware. Was unterscheidet die Hadid-Lampe von Nike-Schuhen, die auch Differenzgüter sind, dafür da, mich von anderen zu unterscheiden?

Weibel: Das ist der Preis, den man für diese Verschiebung bezahlt: Wenn Konsumartikel auratisch aufgeladen werden, werden sie selten. Ja, dann kommen Künstler erst auf die Idee, Lampen zu machen.

Die Unterscheidung von Funktionsobjekt, dem Designobjekt und dem autonomen Kunstobjekt wird aufgehoben. Aber das ist eben keine Bewegung, die das Auratische zerstört, sondern eine Bewegung zur Rettung des Auratischen. Aber dafür gibt es einen Preis: Die Unterscheidungen, etwa zwischen Funktionsobjekt und Kunstwerk, werden geschliffen. Das heißt aber auch: Die Kunst wird zerstört.

Standard: Wenn ich eine Idee übernehme, mit anderen Ideen kombiniere, sie verforme - bin ich dann ein Dieb, ein Fälscher?

Weibel: Ganz und gar nicht. Man muss die Begriffe Kopie, Aneignung, Plagiat demokratischer sehen. Es gibt in der Kunst keine grandiose Originalität. Jeder übernimmt und führt fort: Das ist nichts Neues, das ist seit Jahrhunderten so. Die so genannte originelle Neuerung ist immer ein Derivat.

Es gibt unzählige Menschen, die zu einer Problemstellung beitragen. Das ist in der Naturwissenschaft so, das ist in der Entwicklung der Kunst nicht anders. Die Kunstgeschichte, die entlang der "großen Künstlerpersönlichkeit" geschrieben ist, ist lächerlich.

Standard: Der alte Brecht-Sager, er habe ein gelassenes Verhältnis "zu Fragen des geistigen Eigentums", ist und bleibt ein genialer Satz?

Weibel: Die Idee vom Originalgenie ist absurd. Und so schlägt auch der Originalbegriff absurde Volten. In der Fotografie gibt es den Begriff des "Originalabzugs". Ein seltsames Wort, bei dem man sich fragt, was das sein soll.

Das heißt, wenn ich ein Negativ aus dem Jahre 1966 habe und einen Abzug aus dem Jahre 1966, dann ist das ein Originalabzug, wenn ich heute von exakt diesem Negativ einen Abzug mache, ist das kein Originalabzug. Der Originalabzug ist aber viel, viel mehr wert. Absurd! Übrigens ist diese Rückständigkeit vor allem eine Sache der bildenden Kunst, die Musik ist da viel weiter.

Standard: Inwiefern?

Weibel: Hier kennt man seit Jahrzehnten die Cover-Versionen, und das, was die moderne DJ-Kultur macht, gehört hier auch dazu: Es wird verformt, tradiert, übertragen - vorhandenes Material wird permanent umgeformt. Man hat ein entspanntes Verhältnis zum Original.

Standard: Die schriftstellerische Textproduktion kennt dieses entspannte Verhältnis nicht - da ist das Copy-and-paste-Prinzip verpönt.

Weibel: Und das trotz der Montagetechniken, von denen auch der moderne Roman lebt. Es gibt ganze Studien, die nachweisen, wie Umberto Eco etwa für Im Namen der Rose ausführliche Passagen - bis zu zehn Seiten - von anderen Büchern übernahm.

Aber natürlich: Die Literatur ist die Kunstgattung, die sich noch am meisten sperrt gegen die Auflösung des Unikat-Begriffes. Wenn jemand etwas abschreibt, gibt es einen Skandal.

Standard: Oft mit Recht: Ist es nicht schwer, eine Grenze zu ziehen zwischen dem, was noch als Bearbeitung von Material durchgeht, und dem, was einfach der Versuch ist, eine fremde Arbeit als die eigene auszugeben?

Weibel: Die Grenzfälle sind aber auch die interessanten Fälle. Wesentlich ist, dass ich das so genannte Original in etwas anderes verwandle. Überarbeitung heißt immer auch, Tradition schaffen.

(ALBUM/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. 2. 2006)

Mit Peter Weibel sprach Robert Misik

Robert Misik lebt als freier Publizist in Wien, er schreibt für österreichische und deutsche Zeitungen und Magazine. Zuletzt erschien von ihm "Genial dagegen. Kritisches Denken von Marx bis Michael Moore" (Aufbau Verlag).

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Der Tradition entkommt man nicht - Von Christian Demand

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    Zur Person

    Peter Weibel ist Künstler, Kurator, Kunst- und Medientheoretiker. Er ist seit 1984 Professor für visuelle Mediengestaltung an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Weibel ist seit 1999 Vorstand des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe.

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    Auf der Jagd nach unbedingter Originalität ist die Kunst der Moderne also offenbar zu dem geworden, was sie niemals sein wollte: zu einem Spiel mit Überbietungen und Wiederholungen, sprich: zu einer Tradition (im Bild: "Der betende Hase" von Mathias Waske).

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