Ostgespenster, Poltergeister

3. März 2006, 13:02
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Neue Erzählungen von Josef Haslinger

Ich sollte nicht über einen soldaten schreiben, dachte ich, von soldaten ist schon genug erzählt worden. auch von unglücklichen frauen." Man ist geneigt, dem Icherzähler der Geschichte "die schlacht um wien" Recht zu geben: Da geht ein ehemaliger deutscher Feldwebel, jetzt Pensionist, durch Wien und sieht sich in die letzte Tage des Kampfes gegen die Sowjettruppen versetzt; zugleich geht derjenige durch Wien, der diese Geschichte schreibt, er versucht, einer amerikanischen Studentin historisches Basiswissen beizubringen, und entdeckt seine Verstrickung in ein komplexes Einerseits-Andrerseits, ein "kriegsgefangener" auf ewig. Die Erkenntnis leuchtet ein, der erzählerische Aufwand tut es nicht.

Weltgeschichte

Aber Josef Haslingers neuer Erzählband enthält auch andere Geschichten, leisere, intimere, weniger redselige, Geschichten, in denen es ebenfalls um eine Begegnung mit der Vergangenheit geht, ohne dass dafür gleich die Weltgeschichte bemüht wird, und wenn, dann auf unaufdringliche Weise wie in "fiona und ferdinand", wo ein Knochenfund in einem Waldviertler Dorf ein Verbrechen aus der Besatzungszeit in Erinnerung ruft: Eine Dorfschönheit war von zwei russischen Soldaten vergewaltigt und ermordet worden, dann gab es Gerüchte, es seien Einheimische in sowjetischen Uniformen gewesen.

Das erzählende Ich, von der Mutter herbeigeholt, lebt längst in Deutschland (alle Erzähler dieses Bandes haben mit dem Autor gewisse biografische Eckdaten gemein), das Dorf ist ihm fremd, und beim Sauerkrauttreten rückt ihm die Kindheit nicht wirklich näher.

Kleinschreibung

Haslinger-Leser indes fühlen sich ihrerseits in die Vergangenheit versetzt, in das Milieu der frühen Novelle Der Tod des Kleinhäuslers Ignaz Hajek, die noch nicht in konsequenter Kleinschreibung verfasst war. Ach ja, die Kleinschreibung: Was wohl wollte der Autor uns damit sagen? Dass es ein literarisches Leben nach dem Opernball gibt? Dass auch ein Haslinger Sehnsucht nach der Avantgarde hat? Dass er zurück will zu den Wurzeln oder noch weiter?

Die ästhetische Notwendigkeit teilt sich jedenfalls nicht mit, das Atmosphärische entsteht jenseits des Orthographischen. Auch "der sandler", wohl der ergreifendste Text des Bandes, führt in diese graue, halb verdorbene, halb zurückgebliebene Welt, der Erzähler muss einer Witwe Bericht erstatten über deren Sohn, seinen ehemaligen Schulkollegen, der einmal in Hamburg zur See ging, jetzt aber lieber als Sandler verreckt, denn als verlorener Sohn heimzukehren, wo man ihn sehnlich erwartet. Haslinger erklärt nichts, er beschreibt ein Scheitern lapidar und ratlos und dadurch umso wirkungsvoller.

Schlaganfallpatient

Scheiternde sind auch die Figuren, auf die der Erzähler in Deutschland trifft, der "biber", einst eine tragende Säule der Frankfurter Hausbesetzerszene, heute ein Schlaganfallpatient. Oder der Gitarrist der Gruppe "ostgespenster", ein "poltergeist der ddr" - auf der Suche nach ihm gerät der Erzähler in einem ostdeutschen Nest in eine wirklich ungemütliche Lage.

Der ganz unheroische Held blickt jeweils ohne Nostalgie auf die wilden Zeiten zurück, er fühlt sich hingezogen zu den Outcasts und hat sein Leben doch längst in Sicherheit gebracht. Nachlesen kann man auch das unterhaltsame "reiseepos" "amerika", das Haslinger 1993 konzertant zum Besten gab. Der amerikanischen Literatur verdankt er bekanntlich viel, er beherrscht die Dynamik des Dialogs, einige Sätze sind aber verunglückt: "ihr kopf verharrte nun ruhig über der glänzend blauen windjacke" oder "auf die verzinkte balkonbrüstung trommelten die wasserklumpen und bespritzten meinen bauch" - das würde auch auf Englisch blöd klingen.

Titelgeschichte

Stark sind die Erzählungen dort, wo sie sich mit dem alltäglichen Zufall begnügen und die Zeitläufe nur drohend ins Bild ragen. In der Titelgeschichte "zugvögel" begegnen einander Menschen bei einem Imbissstand an der kroatischen Küste, zwei, die einander seit dem Krieg nicht gesehen haben, ein Astronom, der einen Asteroiden entdeckt hat, eine junge Musikerin und der Erzähler, dem die Reise bald durch seine sexuellen Fantasien vergällt wird. Diesbezüglich sind alle Ichs etwas übersensibel. Ein Wirt erwähnt gegenüber dem Fremden seine Tochter: "die tochter, dachte ich und hatte plötzlich eine klare vorstellung von ihrem nachthemd." (ALBUM/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. 2. 2006)

Von Daniela Strigl

Josef Haslinger, "Zugvögel. Erzählungen". € 19,50/ 205 Seiten. S. Fischer, Frankfurt/Main 2006 (mit CD "amerika").

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