Seelenheil für Wohlstandskinder

2. März 2006, 17:42
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Der deutsche Popstar Xavier Naidoo gastierte in der Wiener Stadthalle

Wien - Begonnen hat es vielversprechend. Ein MC, also ein Zeremonienmeister, ein Anheizer, der vor der Band auf die Bühne kam, um das Publikum ein wenig vorzuwärmen, fragte: "Seid ihr interessiert an guter Musik?" Aber sicher! "Wollt ihr einen Sänger, der die Liebe im Herzen und den Soul in der Seele trägt?" Wer könnte dazu Nein sagen? "Seid ihr bereit auszuflippen?" Wann geht's los?

Anstatt nun aber diese Verheißungen zu erfüllen, betrat zuerst eine "DJane" die Bühne, zumal der MC auch befand, dass vor dem angekündigten Wunder ein wenig "Groove" dringend notwendig sei. Zu diesem Behufe lehnte sich diese Lady an der Bühnenfront an einen Barhocker, vor dem ein DJ-Pult aufgebaut war.

"Groove"

Dort stellte sie dann einige Minuten lang fast glaubwürdig das Tun eines DJs nach, zu dem zwei Rapper rappten. Allein, der "Groove", der da ertönte, stammte definitiv vom Band und nicht von der einen Platte, an der die DJane anscheinend arbeitete.

Nachdem dieses wenig erregende Vorspiel überstanden war, ertönte tatsächlich die erste Nummer, Bist du aufgewacht, zu der über Hebebühnen in mehreren Schichten ein rundes Dutzend Musiker auf die Bühne gehievt wurde. Unter dem Gekreisch einer gut gefüllten Wiener Stadthalle gesellte sich schließlich er zu ihnen, Xavier Naidoo, der neben Herbert Grönemeyer erfolgreichste deutsche Popstar.

Beseeltheit

Endlich ausflippen! Endlich gute Musik! Endlich Herz und Seele! Tatsächlich kamen nun jene Besucher auf ihre Kosten, die sich nicht an öden Bombastrhythmen stießen, Toleranz gegenüber hohlen Gesten bewiesen und für die Betulichkeit des aus Mannheim stammenden Sängers anfällig waren.

Ihnen wurde großzügig gegeben: Bist du am Leben interessiert, wollte Naidoo von ihnen wissen, sandte Zeilen aus Gold in den Saal, und versuchte allen jenes Seelenheil angedeihen zu lassen, das er als fürs Leben unbedingt notwendig erachtete.

Während er diese esoterisch angehauchten Stücke vortrug, war jedoch wenig von der Naidoo nachgesagten Beseeltheit zu bemerken - es sei denn, das bloße Erwähnen des Wortes Seele reicht da neuerdings aus. Dann wäre der 1971 geborene und im deutschen Mainstream-HipHop der Neunzigerjahre erstmalig auffällig gewordene Sänger tatsächlich eine Art Soulgott.

Auch die angesprochene Liebe im Herzen Naidoos ließ sich nur erahnen: Zwar hielt Naidoo sich oft und gerne ergriffen die linke Seite. Ob dort etwas zu spüren war und wenn, was: Man weiß es nicht.

Schunkeln

Die Gefühle, die Soulmusik auszulösen in der Lage ist, wurden von Naidoo und seiner Band weder inhaltlich noch formal transportiert. Dazu war das Gebotene zu platt, zu statisch. Backgroundsängerinnen können wohl kaum einen stimmbandschonenderen Job als bei Naidoo bekommen, und auch der Bläsersatz schunkelte mangels Auftrag oft nur pflichtschuldig zu dem Krawumms aus dem Synthesizer. Kam dann so ein Auftrag, lautete er, wie in Zeilen aus Gold: Saxofonsolo.

Dazu tänzelte Naidoo, richtete sich nachdenklich Brille und DJ-Ötzi-Kapperl und verlängerte das gebotene Dünnbier an die Schmerzgrenze: Knapp zwei Stunden Lebenshilfeschlager für Wohlstandskinder. Schrecklich. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. 2. 2006)

Von Karl Fluch
  • Hohle Gesten und Betulichkeit: Xavier Naidoo spendete von sich selbst ergriffen Trost und Rat
    foto: standard/newald

    Hohle Gesten und Betulichkeit: Xavier Naidoo spendete von sich selbst ergriffen Trost und Rat

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