Anti-AKW-Bewegung, Ost-West-Reloaded

16. März 2006, 16:28
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Umweltschützer bilden eine "Ost-West-Allianz" gegen die befürchtete Atom-Renaissance. Die steigenden Energiepreise nützten vor allem der Atomlobby, befürchten die Gegner

Der Umweltschutz in den neuen EU-Ländern hatte es nie leicht. Und je mehr sich die "Neuen" an die Rest-EU angleichen, umso schwieriger wird es. Wirtschaftswachstum und Wohlstandsvermehrung steht oft vor den Umweltanliegen. Umso wichtiger ist es aus Sicht vieler Umwelt-NGOs in den "alten" EU-Ländern für Letzteres ein Bewusstsein zu schaffen - und Kontakte zu Gruppen vor Ort zu knüpfen.

"Global 2000" ist das gelungen: Die Umweltschutzorganisation hat in der Vorwoche eine "Ost-West-Allianz gegen die Atom-Renaissance" geknüpft. Hnutí Duha/Friends of the Earth aus Tschechien und aus Ungarn sind dabei, sowie Z Matku Zem ("Für Mutter Erde") aus der Slowakei. Denn die "Atomlobby spürt Rückenwind", sagt Global-Sprecherin Silva Herrmann, steigende Energiepreise und Klimadiskussion nützten dieser Energiegewinnungsform besonders. Vor allem in den neuen Ländern habe die Lobby Interessen. Und die Anrainer-Bevölkerung wehrt sich selten.

Global 2000 hat eine Liste der gefährlichsten Atomreaktoren aus österreichischer Sicht zusammengestellt: Dazu gehören Mochovce und Bohunice in der Slowakei genauso wie Temelín und Dukovany in Tschechien oder Kozloduj in Bulgarien - aber auch die AKWs Beznau und Mühleberg in der Schweiz und Biblis und Neckar-Westheim in Deutschland. Die Gefährlichkeit richtet sich nach dem Baujahr (je älter desto gefährlicher), der Technologie (viele AKWs im Osten wurden nach veralteter sowjetischer Bauart errichtet), der Störanfälligkeit, aber auch der geografischen und klimatischen Lage: AKWs, die in windigen Gebieten stehen, gelten im Falle eines Atomunfalls als gefährlicher, da die radioaktive Wolke schneller in Nachbarregionen zieht.

Widerspruch

Es gibt auch viele neue AKW-Pläne, und die wollen die AKW-Gegner vorzeitig verhindern. Karel Polanecký von "Hnutí Duha" berichtet von "mindestens einem neuen Reaktor", den die tschechische Regierung bis 2015 für den Energieversorger CEZ bauen wolle. Freilich sei das nur mit Hilfe staatlicher Subventionen möglich - und die widersprechen den EU-Energiemarkt-Regelungen. Polanecký beklagt die Widersprüchlichkeit der Tschechen in atomaren Fragen: "Noch immer stehen mehr als 50 Prozent der Bevölkerung hinter der Entwicklung der Atomkraft. Gleichzeitig ist der Widerstand gegen den Bau von Atommülllagern überall äußerst stark."

Pavol Siroký von "Za Matku Zem" berichtet von "großem politischen Druck, Mochovce 3 und 4 weiterzubauen". Der Rückbau von Bohunice VI stehe an, zudem gebe es "keinen Plan, was mit dem Atommüll geschehen soll". Dazu kommt noch die geplante Privatisierung des Energieversorgers "Slovenské Elektrárne" an den italienischen Konzern ENEL, der laut "Global 2000" in der Slowakei "stark von der Atomlobby gepusht wird".

In Ungarn ist man laut dem Umweltexperten Robert Fidrich "äußerst besorgt", da die Laufzeit des 1986 gebauten AKW Paks einfach verlängert wurde - ohne vorherige Umweltverträglichkeitsprüfung und ohne Bürgerbeteiligung. Nach Meinung von "Global 2000" steht die Atomkraft in Europa gerade jetzt am Scheideweg.

Wenn es den Interessengruppen nicht gelinge, in den nächsten Jahren Neubauten und Laufzeitverlängerungen durchzusetzen, werde die Atomkraft in spätestens zwei Jahrzehnten in die Bedeutungslosigkeit versinken. Denn mehr als 70 Prozent der jetzt aktiven Reaktoren müssen bis dahin aus Altersgründen vom Netz gehen. Und die Umweltschützer wollen grenzüberschreitend zumindest alles versuchen, dass das auch passiert. (Petra Stuiber, DER STANDARD, 25./26.2.2006)

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    Nach Meinung der slowakischen Umweltschützer von "Za Matku Zem" ist der Reaktor VI des Akw Bohunice "mit Sicherheit eine der größten atomaren Zeitbomben der Slowakei". Überdies gibt es großen Druck, Mochovce 3 und 4 weiterzubauen. Mochovce stammt aus sowjetischer Produktion der 70er Jahre und gilt als äußerst unsicher und teuer.

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