Die jungen Irren von Imst

15. März 2006, 16:13
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Die jährliche Buabefasnacht - So früh wie möglich Narrenfreiheit genießen

Als wahnsinnig bezeichnen sie sich selbst, die Männer, die monatelang an Umzugswägen bauen, die für sechs Stunden hergezeigt und dann verbrannt werden. Die Frauen nähen, sticken und stricken Wochen hindurch, damit ihre Männer und Söhne einen Nachmittag lang durch die Stadt laufen - als Lohn gibt es einen Apfel. Die Buben lernen Tänze und Gesänge, stehen Stunden still, um sich mitunter sogar als Mädchen einkleiden zu lassen.

Es gibt eine Sucht vor dem Arlberg, einen Wahn, einen Irrsinn, der in den Häusern rumort, in eigens aufgestellten, geheim haltenden Zelten und in Werkstätten ausbricht und vor niemandem Halt macht, der in Imst lebt. Ab 6. Jänner ist der Wahnsinn dann offiziell, dann hat das Komitee beschlossen, es darf wieder "gefasnachtet" werden.

Heuer war jedenfalls Buabefasnacht, bei der männlicher Nachwuchs von sechs bis 16 Jahren stundenlang mit einer schweren Holzlarve und kunstvollem "Schein", einem Spiegel, umrankt mit ornamentalen Blumensträußchen, um die Mitte schwere bauchige Glocken (Kumpfen) oder Klöpfen (rechteckige Glocken) als "Scheller" durch die Stadt schwenkt. Oder mit einem Schellengürtel (der "Roller") als Gegenpart tausende Luftsprünge macht und nur auf den Zehenspitzen tänzelt.

Ungestraft spritzig

Umso verständlicher, wenn ein Bub meint: "Ich geh nicht als Scheller wie mein Vater, sondern als Altfrank, weil ich dann meine Lehrer anspritzen kann." Die höfisch gekleideten "Altfranken" tragen nämlich Spritzen, die sie an den vielen Brunnen der Stadt immer wieder auffüllen und dann ungestraft über die Zuschauer entleeren. Anders die "Wilfligsackner" und "Turesackner", die den Zuschauern pralle Säcke gegen die Beine knallen.

Das höchste der Gefühle aber ist es, wenn man vom Roller aus der Menge geholt und vom Scheller "eingeführt" wird: Tanzend geht's zum Säckelmeister, der einen in der Mitte der Straße mit Maske und Breze belohnt. Dafür wird freilich eine Spende erwartet, und es soll schon Zuschauer gegeben haben, die eifrig mit 100-Euro-Scheinen winkten, um dabei sein zu dürfen.

Sich bei den vielen Figuren und ihren Funktionen auszukennen ist für einen Nicht-Imster fast unmöglich. Noch dazu, wo es zu den Hauptfiguren auch Gegenspieler gibt, die sich in Verkleidung und Bewegungen über sie lustig machen. "Bären" etwa werden durch die Straßen getrieben, auch - so meint der Uneingeweihte - kein reines Vergnügen, wird ihnen doch von den "Jägern" auf den Kopf gedroschen, dass es nur so dröhnt.

Schwer enthusiastisch

Und dass hinter all dem ungeheuren Aufwand weder der Tourismusverband noch sonst eine Institution steckt, die damit Geld machen möchte, ist schwer verständlich. Die Begeisterung der kleinen Fasnachtsläufer, die von ihren Eltern platzend vor Stolz beobachtet werden (manchmal auch sorgenvoll, so trägt ein Bub mit 35 kg unter Umständen 15 kg Schementracht), ist echt. Die Wagenbauer gehen manchmal derartig enthusiastisch ans Werk, dass sie nicht nur immer längere, sondern auch höhere Aufbauten fabrizieren. So hoch, dass einmal sogar ein Dachstuhl abgesägt werden musste, damit der Wagen um die Kurve kam.

Mit dem letzten Glockenschlag des Zwölfeläutens, das schon einmal angehalten wird, wenn noch nicht alle startbereit sind, geht es los. Und weiter mit dem Imster Fasnachtsmarsch, den sich so mancher Erz-Imster auf sein Handy geladen hat. Das nächste Mal wieder 2009. Da sind dann die Männer dran mit bis zu 34 Kilogramm schweren Klumpfen - die 13 Meter Stoff für einen Fältelrock erwähnt man gar nicht. Wenn um punkt sechs Uhr abends die Larven abgenommen und nicht mehr aufgesetzt werden dürfen, hat man schon gesehen, dass sich Roller und Scheller - wahrhaft g'standene Mannsbilder - weinend in die Arme sinken. (Der Standard, Printausgabe 25./26.2.2006)

Von Elisabeth Hewson

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