Zweiter Frühling

3. März 2006, 22:52
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Nirgendwo in Europa werden die Menschen älter als hier in Orroli - und selten wohl auf so genussvolle Weise

Sie musste nicht alle Kerzen ausblasen. Und falls sie es doch wollte, dann zumindest nicht auf einen Streich. So viel Puste konnte man Elena Orrù an ihrem 100. Geburtstag denn doch nicht abverlangen, auch der Dorfälteste von Orroli schloss sich dieser Meinung an. Giovanni Frau hieß der Mann, der der Jubilarin Elena einen Ehrenbesuch abstattete, und ein wenig mit ihr über das älter werden plauderte.

Als die greise Elena Hundert wurde hatte ihr Nachbar, der alte Giovanni Frau, bereits 111 Jahre auf dem Buckel. Das machte ihn zum ältesten Europäer, und für einen kurzen Moment vielleicht auch ein bisschen sentimental. "Als ich selbst meinen Hunderter feierte", erzählte Giovanni der jüngeren Elena, "war Signora Vincenza Orgiana einige Häuser weiter bereits 106." Getratsche unter Hundert- und noch Mehrjährigen hat im Städtchen Orroli jedenfalls Tradition. Der verschlafene Ort im Innern Sardiniens ist nämliche eine Art Welthauptstadt der Methusalems. Geriatrische Dauerbrenner wie Mallorca und Miami Beach sehen im Vergleich mit der zweitgrößten Mittelmeerinsel nämlich alt aus - oder sagen wir lieber: jugendlich. Fünf der vierzig ältesten Menschen der Erde leben momentan hier.

Ältestenratschläge

Klar, dass sich in Orten wie Orroli neben Wanderern mitunter auch Molekularbiologen blicken lassen. Claudio Franceschi von der Universität Bologna etwa, dessen Team im Blut der Alten unüblich hohe Konzentrationen der Vitamine E and A feststellen konnte. Blickt man in sardische Telefonbücher, oder plaudert man mit Signore Agostino Vargiu, dem lokalen Wirt Orrolis, so ist man der Alchemie der Alten auch als Tourist auf der Spur. Relativ wenige Namen finden sich in ersteren, denn bis heute bleiben die Familien in Orten wie Orroli, wo fast alle über irgendwelche Ecken miteinander verwandt sind, unter sich. "Es ist in unsren Genen", sagt Vargiu, und löst dabei eine Diskussion aus, die man in Orroli vermutlich nicht das erste Mal hört.

Da gibt es zunächst die Gartengemüsefraktion. Der alte Giovanni Frau, der vor zwei Jahren schließlich mit 112 verstarb, gilt noch heute als deren leuchtendster Stern. "Giovanni war Bauer, und alles was er aß, stammte von seinem eigenem Grund", mischt sich Raffaele Moi, Giovannis Enkel, ein. Weitere Nennungen: Sardiniens gutes Wasser. Frische Milch von glücklichen Ziegen. Die klare Luft in den Bergen. Und, noch einmal in memoriam Giovanni: Rotwein, klar, vermutete man schon. Auch den baute der Alte selbst an, und genoss dabei am liebsten die süßliche Moscato-Sorte.

Wein, der besser ist als sein mäßiger Ruf, der laibhaftige Schafskäse, der als industriell hergestellter Pecorino romano in großem Stil verschoben wird, um auf amerikanischen Pizze zu landen, der aber auch in schrundigen Zylindern als Pecorino sardo dolce mit einem Stück Ziegenmagen auftaucht - das allein wären schon zwei tragende Elemente für ein garantiert gutes Ferienleben. Wer dieses in seiner satten Urtümlichkeit ausprobieren möchte, kann im Rahmen des heute boomenden sardinischen Agroturismo aus mittlerweile über 400 Gehöften auswählen. Mehr als die Hälfte davon liegen im bergigen Inselinneren - mit gutem Grund.

Altruistische Schäfer

Viel, viel Ruhe, und sicher kein dominanter Durchzugsverkehr, aber das Rascheln der Bergeichenwälder, der Duft der Mastixsträucher und das Leuchten der Zistrosenwiesen entfalten auch bei Reisenden eine beachtliche Jungbrunnenwirkung. Dass man schließlich auch in Orroli zwanzig Schäferhütten in bequeme Unterkünfte verwandelte, motiviert sich auch aus anderen lokalen Attraktionen. Denn uralt sind auch die Steingebilde, die Sardiniens erste Siedler hier vor 3000 Jahren aufgeschichtet hatten.

In den Wintermonaten, wenn kalte Winde übers Hochplateau von Arrubiu bei Orroli fegen, sind die geheimnisvollen Steinquader der Nuragher, der letzten Nachfahren westlicher Megalithkulturen, am schönsten. Geheimnisvoll ragen kegelförmige Türme in die Höhe, Reste einst dreißig Meter hoher Bollwerke, die lange Zeit als uneinnehmbar galten, und erst von den Kathagern erobert wurden.

Rätselhaft, zumindest dem kollektiven Gedächtnis entrückt, ist in Sardiniens Inselinnerem vieles: Die 700 Wildpferde - ein Meter zwanzig hohe Winzlinge mit langem Schweif - der wenige Serpentinen westlich von Orroli gelegenen Giara-di-Gesturi-Hochebene etwa. Uralt, über tausend Jahre mitunter, sind die knorrigen Olivenbäume, auf der Hochebene Su Golgou, noch älter die 18 lokalen Dialekte der sardischen Sprache, die mit lateinischen und spanischen Elementen gespickt, bis heute einer einheitlichen Version harren. Dass Gene, Minipferde und Dialekte erfolgreich ihre Nischen fanden, versteht wohl auch, wer sich im zentralen Gennargentu-Nationalpark ins Labyrinth der stacheligen Macchiapölster wagt.

Die Gorropu-Schlucht, mit 500 Metern einer der tiefsten Canyons Europas, gilt zugleich als heißer Tipp der Klettererszene. Die ganz in der Nähe gelegene Grotte Su Marmuri, ebenfalls eine der größten Europas, erschließt indessen unterirdische Prunkräume. Kuscheliger sind trotzdem die alten Ovili-Rundhütten, in denen Wanderer heute die Nachfolge der Hirten stellen. (Der Standard, Printausgabe 25./26.2.2006)

Von Robert Haidinger
  • Isola Asinara, Sardinien
    isola asinara, sardinien

    Isola Asinara, Sardinien

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