Im Schatten der Glamour-Industrie

9. März 2006, 16:55
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Nirgends ist der American Dream präsenter als in Hollywood. Und nirgends ist er unerreichbarer: Der Arbeitsmarkt ist nur für ein Prozent der Schauspieler lukrativ

Los Angeles - Gleich neben dem Kodak Theater, wo in zwei Wochen am 5. März die alljährliche "Oscar Night" wieder über die Bühne gehen werden, eine Wand mit in Marmor gemeißelter Filmgeschichte: "Vom Winde verweht", "Der Herr der Ringe". Links eine Drogerie, rechts ein Diner mit Panoramafenster. Totale auf den Hügel mit dem berühmten Hollywood-Schriftzug.

Close-up auf einen Tisch im Diner: Ein Mann wippt lässig auf seinem Hocker hin und her. Vor ihm eine ungelesene Zeitung. Der Mann, theatralisch: "Ich habe immer gesagt: Hollywood! Hier ist alles möglich!" Die Kamera schwenkt in den Raum: Uniformes Interieur, eine hübsche, rotblonde Bedienung geht auf den Mann zu. Sie wirkt verschlafen, kein Make-up. Schmachtender Schlafzimmerblick in die pechschwarzen Augen des Mannes: "Vergiss Angelina Jolie, vergiss Jennifer Aniston! Ich bin die neue Greta Garbo!"

Träumen verbindet

Könnte so ein Liebesfilm anfangen, mit einer Szene aus dem richtigen Leben? Bei diesem Thema könnte er genau so anfangen: im Johnny Rockets Diner, Ecke Highland Avenue, mit einem gut aussehenden Mann namens Remo J. Braydi und einer gewissen Leah. Zwei Menschen an gegensätzlichen Punkten in ihrem Leben - verbunden durch den selben Traum.

Remo J. Braydi ist siebenunddreißig. Geboren wurde er in Beirut, wo er schon als Kind lernte, in heilere Welten zu flüchten: Er schaute Western, während um ihn herum der libanesische Bürgerkrieg tobte. Vor fünf Jahren verkaufte er das Bauunternehmen seiner Eltern und zog nach Hollywood. Jetzt wohnt er in einem Haus, von dessen Außenwänden der Putz bröckelt. Der große Durchbruch ist für ihn bloß eine Frage der Zeit: "Seit dem Irakkrieg machen sie viele Filme über den Nahen Osten: Ich spiele den bösen Terroristen, den guten Palästinenser."

Tanzende Kellnerin

So weit ist Leah noch nicht gekommen. Bisher hat die 25-jährige nur in einem Pilotfilm ein Handtuch überreicht. Nicht, dass sie die falschen Voraussetzungen hätte. Schon mit sechs lernte sie singen, eine Ausbildung zur Balletttänzerin begann sie mit zwölf. Eine Karriere als Tanzlehrerin in Michigan? Nicht verlockend genug.

Vor zwei Monaten gab Leah ihren Job auf, zog nach Hollywood, wo sie jetzt Burger serviert. Warum das alles? "Ich werde noch diese Saison eine Rolle kriegen und genug Geld damit verdienen!"

Stars. Sternchen. Traumfabrik. Wo die Sonne immer scheint und die Palmen in den Himmel wachsen. Die Boulevardpresse hat kräftig dazu beigetragen, dieses Image zu kreieren, das sich am schillerndsten bei der alljährlichen Verleihung der Oscars manifestiert. Auch diesmal werden wieder Stars im Blitzlichtgewitter über den roten Teppich stolzieren.

Die Praxis: Das große Geld macht allenfalls ein Prozent der Mimen in Hollywood. Der Durchschnittslohn liegt bei 5000 Dollar im Jahr, nur fünf Prozent der etwa 100.000 gewerkschaftlich organisierten Schauspieler können von ihrem Beruf vernünftig leben.

Die anderen? Beziehen Sozialhilfe, schlagen sich mit Werbung, Fernsehauftritten oder B-Movies durch: Meist seichte Dramen, die für den ausländischen Videomarkt bestimmt sind. Wenig Text, viel Gewalt und Nacktszenen. Die Gagen sind auch nicht mehr, was sie einmal waren. "Alle müssen bluten, weil die Stars einen Großteil des Budgets auffressen: 20 Millionen Dollar pro Streifen sind gang und gäbe", sagt Gloria Hinojosa von der Agentur Amsel, Eisenstaedt & Frazier. Ihr Rat an die Wenigverdiener: "Versucht, Kontakte aufzubauen!"

Kontakte, Kontakte, Kontakte? - Eric Johnson hätte sie. Er spielte mit gerade einmal zwölf Jahren in "Legenden der Leidenschaft" an der Seite von Anthony Hopkins. Einen Monat Dreharbeiten. Viel gelacht. Stress ausgehalten. Das beste gegeben. Und seitdem: nie wieder voneinander gehört. "Das liegt in der Natur des Geschäfts", seufzt der Schauspieler, "deine Filmfamilie stirbt mit jeder Location." Eric hat in 14 Filmen mitgewirkt, für einen war er gar auf einem dieser riesigen Werbeplakate am Sunset Boulevard zu sehen. Heute gefeiert, morgen vergessen: Er hatte seit sechs Monaten keine Rolle mehr.

Blockbuster-Sucht

Bis vor ein paar Jahren konnten Nachwuchs, unorthodoxe Talente, schräge Figuren wenigstens noch zu den Independent Movies flüchten, die teilweise beachtliche Umsätze an der Kinokasse machten. Doch inzwischen haben die Studios zu Megastudios fusioniert, mit Abteilungen für DVD, Musik und Independent Movies unter einem Dach. Aus der Traumfabrik ist ein knallhartes Millionengeschäft geworden. Jeder Koloss will den nächsten Blockbuster produzieren.

Deshalb werden immer weniger, dafür aufwändigere Filme gemacht. Die Kosten für Megastars, Spezialeffekte und Marketing summieren sich rasch auf 250 Millionen Dollar. Von tausend angebotenen Scripts werden nur noch hundert gekauft, zehn produziert, auf die Leinwand kommt eines. "Du bist nur so gut wie dein letzter Hit", sagt Lynda Obst, Produzentin von Kassenschlagern wie "Sleepless in Seattle". "Es ist ein exzellenter Vorteil, wenn du nichts fühlst in Hollywood." (Beatrice Uerlings, Los Angeles, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26.2.2006)

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    Die Palmen wachsen auch in Hollywood nur für wenige in den Himmel. Nur fünf Prozent von 100.000 gewerkschaftlich organisierten Schauspieler können von ihrer Kunst leben.

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