Grüne Nabelschau im Wahljahr

24. Februar 2006, 18:29
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Ausgerechnet im Wahljahr tritt das Positionierungsproblem der Grünen offen zu Tage

Ausgerechnet im Wahljahr tritt das Positionierungsproblem der Grünen offen zu Tage. Eva Glawischnig, die Nummer zwei in der Partei, trifft daran keine Schuld. Sie hat ihre Themen: die Umwelt und sich selbst.

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Wien – Mancher der grünen "Basiswappler", um einen in alternativen Kreisen durchaus selbstironischen Terminus zu verwenden, hat die Vollblutpolitikerin in Eva Glawischnig wohl erst mit dem Einzug der Grünen in den Kärntner Landtag erkannt. Es war ein persönlicher Sieg, und sie sprach folgerichtig vom "schönsten Tag" ihres Lebens: In keinem anderen Bundesland lag die Latte für die Grünen so hoch. Glawischnig überquerte sie nicht nur elegant, sie tat es auch mit Ansage und vollstem Einsatz.

Bis zu diesem Zeitpunkt war die Performance der 1969 in Villach geborenen Juristin nicht unumstritten – weniger in der Partei als in der grün-affinen Gemeinde, eben der Basis. An den Fähigkeiten, der strategischen Intelligenz und der Durchsetzungskraft Glawischnigs wurde nie gezweifelt, wohl aber an der Art, wie sie diese einsetzte: Dass ihre mediale Präsenz öfter auf Geschichten und G'schichterln aus ihrem Privatleben beruhte, ihre Kleiderwahl, Hochzeit oder Schwangerschaft ausführlicher abgehandelt wurden als grüne Umwelt- oder Wirtschaftskonzepte, brachte ihr nicht nur Sympathien ein. Vor allem ihre Kritiker übersahen dabei, dass sich darin ein grundsätzliches Darstellungsproblem grüner Politik abbildet, an dem die kleine Oppositionspartei seit jeher kiefelt.

Aktionismus ohne Wirkung

Der Aktionismus, mit dem die Grünen ihre Botschaften in einprägsamen Bildern der Öffentlichkeit vermittelten, verlor mit der Umwandlung der Umweltbewegung in eine ganz "normale" Parlamentspartei sukzessive an Wirkung. Und produzierte damit Identitätsdebatten, die bei den vergangenen Landtagswahlen und im anrollenden Nationalratswahlkampf durch ein grundlegendes Positionierungsproblem verstärkt werden: Eine Auseinandersetzung, in der Sozial- und Arbeitsplatzfragen von der SPÖ breit abgedeckt werden, scheint den Grünen nur Platz für eine Rückkehr zu den Wurzeln als reine Umweltpartei zu bieten. Dass diese in den letzten Jahren nicht eben sorgsam gepflegt wurden, ist jedoch bestimmt nicht Glawischnigs Schuld. Umso entscheidender wird der Input sein, den die Umweltsprecherin einzubringen hat. Das Know-how hat sich die Kärntnerin ja in ihrer Zeit bei der Umweltorganisation Global 2000 angeeignet.

Wahlkampf und Schwangereschaft

Glawischnig ist schwanger, das weiß man, und das ist nur insofern ein Thema, als die stellvertretende Bundessprecherin unter diesen Umständen für den Fototermin eines Magazins verträumt in die Auslage eines Babymodengeschäftes blickt und der Zeitpunkt der Geburt mitten in den Wahlkampf fällt. Den will sie dennoch mit ganzer Kraft und der Hilfe ihrer Familie bestreiten. Und mit bekannten Themen: erneuerbare Energien, Nein zum Atomstrom und Maßnahmen gegen den Feinstaub.

Ob das "zieht", bezweifeln viele grüne Mandatsträger, die den Schwerpunkt lieber auf Sozialthemen legen und als Slogan die Halbierung der Armut stärker "gespielt" sehen würden. Ein zentrales Thema scheint jedenfalls unausweichlich: 20 Jahre Grüne, und da kann man im Wahlkampf die alten Ideale, den Kampfgeist und das Unbequeme von früher, noch einmal ordentlich aufleben lassen. (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.02.2006)

Von Samo Kobenter und Michael Völker
  • Entweder den Grünen gelingt nach der Wahl der große Sprung in die Regierung, oder sie bleiben in der Opposition sitzen: Die stellvertretende Parteichefin Eva Glawischnig blickt bewegten Zeiten entgegen.
    foto: der standard

    Entweder den Grünen gelingt nach der Wahl der große Sprung in die Regierung, oder sie bleiben in der Opposition sitzen: Die stellvertretende Parteichefin Eva Glawischnig blickt bewegten Zeiten entgegen.

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