Wiener Forscher arbeiten an synthetischem Allergie-Impfstoff

24. Februar 2006, 14:13
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Zur Weiterentwicklung wurde in Wien ein Christian Doppler Labor für Allergieforschung ins Leben gerufen

Wien - Wissenschafter der Medizinischen Universität Wien (MUW) arbeiten am weltweit ersten vollsynthetisch hergestellten Impfstoff gegen Allergien. Um die an der Uni erarbeiteten Technologien in absehbarer Zeit zu einem Medikament weiter zu entwickeln, wurde nun ein eigenes Christian Doppler (CD) Labor ins Leben gerufen. "Im Vordergrund stehen vorerst Birkenpollen", erklärte dazu Labor-Leiter Rudolf Valenta bei einer Pressekonferenz am Freitag in Wien.

Allergien beruhen in der Regel auf einer übermäßigen Antwort des Immunsystems auf bestimmte Stoffe. Anstatt wie bis vor wenigen Jahrzehnten nur die Symptome zu bekämpfen - etwa durch entzündungshemmende Substanzen -, arbeiten Wissenschafter weltweit an verschiedensten alternativen Konzepten. Ein Mittel gegen Allergien ist beispielsweise die so genannte Desensibilisierung.

Ansatz

An der MUW wurde bereits vor einigen Jahren ein Wirkstoff präsentiert, der einen neuen Ansatz darstellt und als eine Art Impfung wirkt. Die Forscher machen sich dabei den Umstand zu Nutze, dass das Immunsystem auf verschiedenen Mechanismen beruht. Nur ein Teil davon, der über das so genannte Immunglobulin E (IgE) führt, beschert Allergikern die bekannten Symptome wie Schnupfen, tränende Augen oder Asthma.

Die Wiener Forscher haben deshalb begonnen, Allergene, also die Allergie auslösende Stoffe, gentechnisch zu verändern. Die leicht veränderte Substanz führt nach einer Injektion im Körper zu einer Aktivierung einer anderen Immunantwort, die über die Produktion von Immunglobulin G (IgG) läuft. Kommt der Körper dann wieder mit dem eigentlichen Allergie auslösenden Stoff in Kontakt, wird er vom IgG abgefangen, die "böse Immunantwort" - wie Valenta es ausdrückt - über IgE bleibt aus.

Synthetische Herstellung

Nun wollen die Wissenschafter einen Schritt weiter gehen und den Impfstoff nicht mehr über Genmodifikationen, sondern voll synthetisch herstellen. "Dazu muss man erst einmal genau wissen, wie die Allergene aufgebaut sind", erklärte der Forscher. Die entsprechenden Techniken dazu seien mittlerweile vorhanden, als ersten Kandidaten haben sich die Experten das Allergen der Birkenpollen vorgenommen.

Eine Allergie-Impfung ist nach Ansicht von Valenta weit mehr als eine Symptombekämpfung. Denn durch "Austrocknung der IgE-Immunantwort" bleiben auch Spätfolgen von Allergien aus, wie etwa der so genannte Etagenwechsel von der Nase in die Lunge, wie bei vielen Heuschnupfen-Patienten zu beobachten.

Ziel

Langfristiges Ziel der Wiener Forscher ist es, eine Impfung gegen alle - oder jedenfalls die wichtigsten - Allergien zu entwicklen. "Wir haben festgestellt, dass die Zahl der an Allergien beteiligten Allergene erstaunlich gering ist", so Valenta. So ist es im Falle der Birke nur eine Eiweißsubstanz, die Allergien auslöst, bei der Hausstaubmilbe sind es zwei und bei den Gräsern vier. Inwieweit eine derartige Behandlung auch als prophylaktische Schutzimpfung wirken könnten, muss noch geklärt werden.

Valenta schätzt, dass die Entwicklung "erster Prototypen" von Impfstoffen in den fünf Jahren, auf die das CD Labor angelegt ist, über die Bühne geht. Bis die Medikamente dann in den Apotheken-Regalen stehen, könnte es noch einmal so lange dauern.

Hintergrund

Die Christian Doppler-Gesellschaft (CDG) hat eine in Österreich einzigartige Position zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Ihr vorrangiges Ziel ist die Förderung der anwendungsorientierten Grundlagenforschung. Dazu werden nach Begutachtung im Rahmen eines Peer-Review-Verfahrens vor allem an Universitäten CD-Laboratorien für maximal sieben Jahre eingerichtet. Die Finanzierung der einzelnen Labors erfolgt durch die CDG, die ihre Mittel je zur Hälfte von den Mitgliedsfirmen und öffentlichen Fördergebern, allen voran dem Wirtschaftsministerium, bezieht. Dem neuen Labor stehen auf fünf Jahre jährlich 500.000 Euro zur Verfügung, Partner der MUW ist die Wiener Biotechnologiefirma "Biomay". (APA)

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    foto: photodisc
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