Private Erzählungen im öffentlichen Raum

24. Februar 2006, 20:57
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Hannah Hurtzig über "Installationen zur Wissensvermittlung" und die Unterschiede in den Erzählungen von Frauen und Männern

Hannah Hurtzig sprach mit Christa Benzer über das Theater als öffentlichen Versammlungsort, ihre "Installationen zur Wissensvermittlung" und die Unterschiede in den Erzählungen von Frauen und Männern.


STANDARD: Was unterscheidet Ihre Projekte von konventionellen Inszenierungen?
Hannah Hurtzig: Grundsätzlich ging es mir von Anfang an darum, das Theater nicht durch die Show auf der Bühne und das Publikum im Dunklen zu konstituieren, sondern als einen öffentlichen Versammlungsort zu betrachten. Von Anfang an gab es da immer Schnittstellen zwischen sozialen Bewegungen, politischem Aktivismus, einer Art von theatralisierter wissenschaftlicher Recherche, Performance, Schauspiel und Kunst.

STANDARD: In Wien sind Sie mit einer Ihrer "Installationen zur Wissensvermittlung" zu Gast. Was erwartet das Publikum?
Hurtzig: Die Projekte von Tulip House beschäftigen sich mit der Konstruktion von öffentlichen Räumen, in denen erzählerische Formate der Wissensvermittlung und -verhandlung erprobt werden. Das läuft immer so, dass wir entweder eigene Themen setzen oder zu bestimmten vorgegebenen Themen "Gespräche" führen. Im Rahmen des Künstlerinnenfestivals sind es drei Frauen, die entlang von "Orten, Städten und Territorien" einem ausgewählten Zuhörer oder einer Zuhörerin ihr Leben erzählen.

STANDARD: Nach welchen Kriterien haben Sie die Gesprächspartner ausgewählt?
Hurtzig: Die Erzählerinnen sollten drei Frauen sein, die sich immer öffentlich und politisch geäußert haben. Von der Historikerin Erika Weinzierl hatte ich schon viel gehört und gelesen, und mit dem Historiker Hannes Heer ist die Position ihres Zuhörers sehr gut besetzt. Die zweite Frau ist die Philosophin Isolde Charim. Sie kenne ich von ihren Artikeln in der taz. Und die dritte Frau, die die jüngere Generation vertritt, ist die Künstlerin Amina Handke. Die Themen sind also Geschichte, Philosophie und Kunst.

STANDARD: Die Erzählenden und Zuhörenden sitzen in einem anderen Raum als das Publikum. Wieso dieses Setting?
Hurtzig: In unserem ersten Projekt ging es um israelische Architektur in den besetzten Gebieten. Wir haben Ethnologen und Architekten aus Israel eingeladen und sie mit Kollegen aus Südafrika und Osteuropa zusammengebracht. Das war politisch sehr brisant. Wir mussten uns also überlegen, wie man diese Experten dazu bringt, nicht im üblichen Sinne vorzutragen oder ins Publikum hinein zu agitieren. Deswegen haben wir sie in einen kleinen Raum gesetzt und ihnen gesagt: "Ihr habt zwei oder drei Stunden Zeit, um miteinander zu reden." Dieses Format entspannt das Gespräch, und dann beginnt die Erzählung der Theorie, die man in der Erzählform viel besser aufnehmen kann.

STANDARD: Gibt es Unterschiede zwischen den Erzählweisen von Frauen und Männern?
Hurtzig: Ja. Männer machen ihr Leben meist zu einer fortlaufenden, stringenten Erzählung entlang der Ausbildung, der Berufswelt und ihren Produkten, die dabei rauskamen. Die wunderbare Vermengung von dem Privaten, Intimen und dem Öffentlichen, die gibt es nur bei den Frauen. Sie sind da in einer wirklich radikalen und sympathischen Art und Weise schamloser, weil sie wissen, dass das Private auch politisch ist. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.2. 2006)

Zur Person

HANNAH HURTZIG ist freischaffende Dramaturgin, Kuratorin und Festivalmacherin. Sie war u. a. künstlerische Leiterin von Kampnagel/Hamburg, Dramaturgin an der Berliner Volksbühne und Programmdirektorin des Festivals Theater der Welt.

Seit 2002 realisiert sie mit Tulip House (gemeinsam mit Anselm Frank) "Installationen zur Wissensvermittlung". Sie lebt und arbeitet in Berlin und Warschau.
  • Hannah Hurtzig erfreut Wien mit einem "Kiosk für nützliches Wissen".
    foto: standard/orlik
    Hannah Hurtzig erfreut Wien mit einem "Kiosk für nützliches Wissen".
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