Millionenraub schockiert die Briten

2. März 2006, 18:47
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Generalstabsmäßig geplanter Raubüberfall: Täter erpressten durch Geiselnahme Zutritt zu einem Gelddepot und entkamen mit möglicherweise 50 Millionen Pfund

Nun steht fest, dass es einer der größten Raubzüge der britischen Geschichte war; ein Verbrechen vom Kaliber des berühmt-berüchtigten Postzugraubs, bei dem die Täter im Jahr 1963 Geldbündel erbeuteten, die heute etwa 40 Millionen Pfund (knapp 59 Millionen Euro) wert wären (siehe Bericht unten).

Mindestens 25 Millionen Pfund (37 Millionen Euro) seien in der Nacht zum Mittwoch in Tonbridge geraubt worden, teilte die Bank of England offiziell mit, nachdem zunächst deutlich niedrigere Zahlen die Runde gemacht hatten. Später war sogar von 50 Millionen Pfund (73,2 Millionen Euro) die Rede. Und genauso dreist wie die Posträuber von damals ging auch diese Bande in der südostenglischen Grafschaft Kent vor.

Verkehrskontrolle

Es begann damit, dass sie den zuständigen Manager der Sicherheitsfirma Securitas entführten. Der war am Dienstag gegen 18.30 Uhr in seinem Pkw auf dem Heimweg von Tonbridge zu seinem Wohnort Herne Bay, als er hinter sich Blaulicht aufflackern sah. Brav hielt er an. Vielleicht hat er sich ein wenig gewundert, als ihn zwei Polizisten, bekleidet mit neongelben Westen, baten, auszusteigen und sie zu ihrem Wagen zu begleiten. Doch erst als sie ihm Handschellen anlegten, ahnte er, was folgen würde.

Sechs Stunden später fuhren die falschen Ordnungshüter den Mann zurück zu seinem Geldlager, erst nachdem sie ihm klargemacht hatten, womit sie ihn erpressen konnten. Zwei andere Gangster, auch sie als Polizisten verkleidet, hatten in der Zwischenzeit die Gattin und den acht Jahre alten Sohn des Tresorverwalters entführt.

Die beiden läuteten an der Wohnungstür und erzählten der Frau eine glaubhaft klingende Geschichte: Ihr Mann sei in einen Unfall verwickelt, sie möge bitte mitkommen. In eine einsame Scheune verschleppt, sah der gefangene Manager, dass nun auch seine Familie in der Gewalt der Ganoven war.

Scharfe Drohungen "Wenn du nicht kooperierst, können wir für nichts garantieren" - mit diesen Worten, sagte später ein Polizeisprecher, habe man dem Manager mit dem Schlimmsten gedroht. Nachts dann, gegen ein Uhr, verschafften sich sechs maskierte, bewaffnete Männer Zutritt zu dem hermetisch abgeriegelten Depot, von ihrer Geisel durch sämtliche Sicherheitsschranken gelotst. Drinnen legten sie den 14 Angestellten Plastikfesseln an und begannen die Tresore auszuräumen. Nach gut einer Stunde fuhr ein weißer Lkw mit der Beute davon. Noch am Donnerstag fehlte von der Bande jede Spur.

Ob es gelingt, das Verbrechen rasch aufzuklären, steht in den Sternen. In Tonbridge werden nämlich vor allem gebrauchte Banknoten, die Geldtransporter von Supermärkten abholen, verwahrt. Bringt die Bande lediglich die abgegriffenen Scheine in Umlauf, dürfte es schwer werden, ihr auf die Schliche zu kommen.

"Da waren absolute Profis am Werk", sagte Paul Gladstone, der ermittelnde Detective Superintendent, "wir werden nachforschen, ob sie Insider-Informationen hatten."

Damit deutete der Detektiv vorsichtig an, der Überfall hätte wohl kaum so perfekt geplant werden können, hätten die Täter keine Komplizen gehabt - entweder bei Securitas oder im privaten Umfeld der Managerfamilie. (Frank Herrmann aus London, DER STANDARD Printausgabe, 23.02.2006)

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  • Aus diesem Gelddepot sollen die mutmaßlichen Räuber rund 50 Millionen Pfund gestohlen haben
    foto: epa/hugo philpott

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