Chefsuche im Sonderzug

27. März 2006, 15:51
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Bei der eiligen Suche nach Managern für die operativen ÖBB-Gesellschaften hat der Holding-Vorstand die Rechnung offenbar ohne die Aufsichtsräte gemacht

Wien - Das vor einer Woche in Schwung gebrachte Postenkarussell bei der ÖBB zieht immer weitere Kreise. Konkret sind es außerordentliche Aufsichtsratssitzungen, die nun veranstaltet werden (müssen), um die eiligen Ausschreibungen zu legalisieren. Nach der Infrastruktur Betrieb AG, deren Aufsichtsrat heute, Freitag, tagt, werden auch die Kontrollore der Rail Cargo Austria (RCA) außertourlich zusammen getrommelt.

RCA-Präsident Kari Kapsch bittet das Beratungsgremium des ÖBB-Güterverkehrs am Aschermittwoch zu Tisch. Nicht zum Heringsschmaus, sondern zwecks Genehmigung anstehender Vorstandsrochaden. Zur Disposition stehen die Ausschreibung des Ende Juli auslaufenden Vorstandsmandats von RCA-Chef Ferdinand Schmidt, und die von ÖBB-Holding-Präsident Wolfgang Reithofer verfügte Vergrößerung der RCA-Vorstandsetage auf drei.

Aufpasser oder Abstellgleis

Holding-Finanzchef Erich Söllinger wird, wie berichtet, in Personen- und Güterverkehr-AG entsandt, um dort für den Aufbau kompatibler Finanz- und Controlling-Strukturen zu sorgen. Kritiker in Eigentümerkreisen meinen jedoch, er sei der Aufpasser für bisweilen allzu eigenständige bzw. widerspenstige Vorstände. Wieder andere meinen, aus der temporären Mission könnte rasch ein Abstellgleis für den einst bei ABB beschäftigten Controller werden.

Wie auch immer, einigen Kapitalvertretern von Personenverkehr AG, Betrieb AG und Rail Cargo Austria konveniert die Vorgangsweise von ÖBB-Chef Martin Huber nicht; insbesondere sein Argument, ein Aufsichtsratsbeschluss sei laut Aktienrecht wohl für die Bestellung, nicht aber die Ausschreibung eines Mandats notwendig. "Für die ÖBB gilt immer noch das Stellenbesetzungsgesetz", knurrt einer. Eben dort heißt es: "Der Besetzung [...] hat eine öffentliche Ausschreibung voranzugehen. Die Ausschreibung hat jenes Organ vorzunehmen, das die Stelle zu besetzen hat." Das sei immer noch der Aufsichtsrat, meint ein anderer.

Personalberaterdienste denkbar

Nicht ausgeschlossen ist laut Huber übrigens, dass zwecks Kandidatenauswahl doch ein Personalberater engagiert wird. Damit hat Egon Zehnder International, die im Verkehrsministerium bereits als Ansprechpartner genannt wurde, doch noch Chancen auf einen Auftrag.

Die grüne Verkehrssprecherin Gabriela Moser findet besonders die Ausschreibung für den ÖBB-Betrieb-Vorstand "originell": Die Kandidaten sollen "eine Ostsprache" beherrschen. Das passe "zufällig exakt auf den Zentralbahnhof-Experten und Ex-Sektionschef Arnold Schiefer, der zufällig gerade Russisch lernt", ätzt Moser. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.2.2006)

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    Aufpasser, Doppelfunktionäre und drei Ausschreibungen: Die ÖBB-Chefetage gleicht derzeit einem Verschubbahnhof.

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