"Serbien wird den Kosovo verlieren"

5. März 2006, 19:51
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Bis Jahresende wird es eine Entscheidung über den Kosovo-Status geben, kündigte der UN-Übergangsverwaltung-Chef im STANDARD-Interview an

Bis Jahresende wird es eine Entscheidung über den künftigen völkerrechtlichen Status des Kosovo geben. Das kündigte Soren Jessen-Petersen, Chef der UN-Übergangsverwaltung, im Gespräch mit Adelheid Wölfl in Prishtina an.

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STANDARD: Wie beurteilen Sie die Falschmeldung, dass der mutmaßliche bosnisch-serbische Kriegsverbrecher Ratko Mladic verhaftet worden sei?
Jessen-Petersen: Es könnte sein, dass sie einen Versuchsballon gestartet haben, um die Stimmung in der Bevölkerung zu messen. Vielleicht haben sie es auch getan, um die Verhaftung vorzubereiten.

STANDARD: Hatte die Meldung mit dem Beginn der Wiener Kosovo-Statusgespräche zu tun?
Jessen-Petersen: Der Zeitpunkt hat nichts damit zu tun, aber es ist schon alles irgendwie verbunden, weil Serbien jetzt dreifach unter Druck ist: Es wird den Kosovo verlieren, Montenegro könnte seinen eigenen Weg gehen. Und der EU-Annäherungsprozess und der Beitritt zur Nato-Partnerschaft für den Frieden sind in Geiselhaft der Karadzic- und Mladi´c-Angelegenheit. Wenn wenigstens der dritte Punkt angegangen wird, könnte das eine wichtige Aussicht auf die euro-atlantische Integration Serbiens eröffnen. Und das kann wieder einen guten Einfluss auf den Kosovo haben, weil es ohne diese Perspektive noch schmerzhafter für Serbien werden könnte.

STANDARD: Es gibt Befürchtungen, dass die Unabhängigkeit des Kosovo die radikalen Kräfte in Serbien stärken könnte.
Jessen-Petersen: An dem Tag, wo die euro-atlantische Perspektive realistisch ist für die Serben, wo immer sie wohnen, und für die Albaner, wo immer sie wohnen, werden die Grenzen fallen. Dann hat das altmodische Anhängen an Territorien nicht mehr diese Relevanz. Kurzfristig wird es Spannungen geben. Aber mittel- und langfristig kann es die Demokratisierung in Serbien und der Region nur stärken.

STANDARD: Sollte die internationale Gemeinschaft nicht offener sagen: Der Kosovo wird unabhängig?
Jessen-Petersen: Ich habe nicht gesagt, dass der Kosovo unabhängig wird. Ich habe gesagt, dass Serbien den Kosovo verlieren wird. Es ist wichtig, dass jeder anerkennt, dass es im Kosovo eine 90-Prozent- Mehrheit gibt, die klar weiß, was sie will. Gleichermaßen wichtig ist, dass diese Mehrheit versteht, dass es eine Minderheit von zehn Prozent gibt, und dass eine Gesellschaft, die die Wünsche und Sorgen der zehn Prozent ignoriert, niemals funktionieren kann.

STANDARD: Soll der Status, wenn es zu keiner Einigung kommt, Belgrad aufgezwungen werden?
Jessen-Petersen: Geben wir den Gesprächen eine Chance. Am Ende des Tages wird es klarerweise noch immer eine Kluft geben, und an diesem Punkt muss der Status-Beauftragte entscheiden.

STANDARD: Soll das Ende des Jahres sein?
Jessen-Petersen: Ja. Die jetzige Situation ist unhaltbar. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.02.2006)

Zur Person

Soren Jessen-Petersen (62), dänischer Diplomat und Balkan-Kenner, leitet seit August 2004 die UN-Übergangsverwaltung im Kosovo (Unmik).

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    Der Chef der UN-Übergangsverwaltung, Soren Jessen-Petersen, meint, ein unabhängiger Kosovo kann mittel- und langfristig die Demokratisierung in Serbien und der Region nur stärken.

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