Das alte Telefon

27. Februar 2006, 10:58
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Für 400 Euro kann er alles, was er will: Keine SMS schreiben, keine Spiele spielen, keine Bilder machen...

Es war soeben. Da hat das Telefon geklingelt. Und zwar so wie früher. Also so richtig „Klingeling“. Mit Druck und Nachhall und – gefühlten – Ober- und Untertönen. Ein Klingeln, das Hiphopper vermutlich – wenn sie sich mit Telefonklingeln auseinandersetzen würden – mit „fett“ umschreiben würden. Und zu dem dann sicher irgendwer das Vokabel 2Oldschool“ dazusetzen würde.

Aber zuerst ist mir das gar nicht aufgefallen. Weil ich erst beim dritten Läuten draufkam, dass das Klingeln anders klang. Anders, als die Gefiepe, Geläute und Gewummere, die heute aus den Dingern rauskommen, die man immer noch „Telefone“ nennt. Obwohl sie mit E.s Fernsprechapparat eigentlich nix zu tun haben. Aber auch das sah ich erst, als ich mich umdrehte.

Tischtelefon

Denn E. hatte sein Handy auf den Tisch hinter mir gestellt. Und wenn ich sage gestellt, dann, meine ich das auch so: E. s Handy ist nämlich eine alte, klassische, schwarze, klobige, schwere Telefonschachtel. Mit geringelter Kordel und kantigem Hörer. So eine Kiste, wie sie damals – in der Steinzeit der 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts – auch im Vorzimmer (warum waren Telefone eigentlich immer im Vorzimmer montiert? Egal.) des Favoritner Gemeindebauelternhauses stand. Obwohl: unser Telefon hatte noch einen Viertelanschluss-Freigabeknopf. Den sucht man auf E.s Handy vergeblich – es ist ein High-Tech-Gerät.

E. hat sein Telefon jetzt seit etwa zwei Monaten. Und er ist wahnsinnig stolz darauf. Das Gehäuse, erzählt er, sobald man ihm da nur einen kleinen Stupser gibt, habe er auf einer Alte-Telefone-Sammlerhomepage gefunden. Und in den USA ließ er sich dann – eben vor rund zwei Monaten – moderne Technik in das Gerät einbauen: Ein Akku für das Läutwerk („das braucht soviel Strom, damit könnte ich auch Bomben zünden – aber er hält zwei Tage“), ein Slot (natürlich erst zugänglich, wenn man das Werkel aufgeschraubt hat) für die Sim-Card. Und ein paar Schalteinheiten die aus den Wählscheibenbefehlen Handysignale machen.

Featureminimalismus

Rund 400 Euro, erklärt E., habe er für sein Telefon bezahlt. Und dafür kann es alles, was er will: Keine SMS schreiben, keine Spiele spielen, keine Klingeltöne herunterladen, keine Bilder machen, keine Nummern speichern und keine Anrufzeiten speichern. Unter anderem. Außerdem, betont E., telefonier man mit dem Ding einfach besser: beim Wählen an der Scheibe könne, ja müsse, man sich auf das kommende Gespräch vorbereiten – und das käme dann auch seinen Gesprächspartner zugute.

Dass das alte Telefon ein bisserl unpraktisch für unterwegs sei, meint E, sei aber nur ein blödes Vorurteil: Er fühle sich einfach wohl mit dem Teil. Und das Ding in Kaffeehäusern auf den Tisch oder in Clubs auf die Bar zu stellen, sei erstens ein garantierter Hingucker – und zweitens könne man damit immer wieder Wetten gewinnen. Weil kein Mensch glaube, dass das Gerät wirklich ein Telefon ist. Am lustigsten, meint E., sei es aber, wenn das Telefon in öffentlichen Verkehrsmitteln läutet. „Die Leute schauen mich dann an, als ob sie sich fragen würden, ob jetzt ich oder sie den Verstand verloren haben.“

Das Retro-Phon, erklärt E., sei aber erst der Anfang. Er plane schon das nächste mobile Device aus der Steinzeit. Schließlich bekomme auch er ab und zu SMS. Oder will welche verschicken. Und da einen alten Telegrammstreifen-Ausdrucker zu adaptieren, oder gar einen antiken Morse-taster (samt Holzbrett) aus der Tasche zu holen, das wäre doch wirklich ein Kontrapunkt zu all den überzüchteten Nano-Geräten seiner Umwelt.

  • Artikelbild
    foto: thomas rottenberg
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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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