Theaterregisseur Benno Besson 1922–2006

2. März 2006, 17:42
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Der Schweizer war um die komödiantische Durchdringung sozialistischer Denkungsart bemüht

Der Westschweizer Theaterregisseur Benno Besson, zuletzt am Lac Léman ansässig, war als der eigenständigste Meisterschüler des Bertolt-Brecht-Theaters um die komödiantische Durchdringung sozialistischer Denkungsart bemüht: Er starb 83-jährig in Berlin.


Berlin – Aus der Riege der Bertolt-Brecht-Meisterschüler im Theater am Berliner Schiffbauerdamm stach er sogleich hervor: ein komischer, mit Komödienfedern grellbunt gespickter Paradieswundervogel unter lauter materialistischen Nebelkrähen.

Theaterregisseur Benno Besson kümmerte sich nicht um den "Verfremdungseffekt". Er erkannte die ganze darzustellende Welt als in ihrem Kern entfremdet. Und weil sich die von der Ausbeutung Betroffenen nichts beibringen lassen, solange sie nicht über sich selbst zu lachen gelernt haben – schob Besson das ganze, bleischwere Brecht-Erbe, ohne sich im Anspruch etwas zu vergeben, ganz einfach in die romanische, romantische Komödiensonne hinüber.

Bessons Theater war dementsprechend eine Schule der Einfälle. Auch den Molière- und Gozzi-Figuren malte er, um sie desto besser verlachen zu können, Fratzen. Der Westschweizer Lehrersohn, der Brecht 1947 in Zürich begegnet war, um dessen Werk fortan unverbrüchlich verpflichtet zu bleiben, unterlief die strengen Reinheitsgebote der orthodoxen Brecht-Pflege scheinbar ohne Anstrengung.

Er glaubte tatsächlich, dass sich sogar die trostlosesten DDR-Apparatschiks von der Sonnigkeit seiner Beweisführungen anstecken lassen würden. Besson schied früh vom Berliner Ensemble, arbeitete in den 60er-Jahren am Deutschen Theater, fand in dem salonkommunistischen Zweitklassiker Peter Hacks einen kongenialen Grimassenschneider – und leitete schließlich von 1974 bis 1978 die Berliner Volksbühne, wo er sich die tiefe Frustration durch engstirnige Bedenken vonseiten leninistischer Funktionäre lange nicht anmerken ließ.

Allerlei Ungemach

Der Brückenschlag in die französische Sprach- und Gedankenwelt überwiegt bei Weitem das Ungemach, das ihm der reale Sozialismus bereitet haben mochte. Von 1982 bis 1989 war Besson Direktor der Genfer "Comédie". Er schnitt weiter Grimassen, triumphierte mit Anarchokomödien wie Serreaus Hase Hase auch in Berlin – und übertrug auf seine Tochter Katharina Thalbach, geboren in der Ehe mit Sabine Thalbach, das unbändige, aus jedem Theoriekonzept herausplatzende Spieltemperament.

Dass ein Sozialismus gleich welcher Schattierung gefälligst Spaß zu machen habe – mit dieser überlegenen Einsicht gewann er auch aus gefürchteten Stoffen wie der Heiligen Johanna der Schlachthöfe nichts anderes als dickrahmige, wohlschmeckende Milch der Erkenntnis.

Mit Bessons Ableben in Berlin im 84. Lebensjahr – er wohnte zuletzt am Lac Léman – stirbt die Riege der "linken", womöglich noch von Brecht und Heiner Müller inspirierten Regisseure allmählich aus. Peter Palitzsch ist tot, Manfred Wekwerth schmollt, Matthias Langhoff, Fritz Marquardt und B.K. Tragelehn sind mehr oder minder freiwillig zu Theaterrandfiguren geworden.

Die nachrückenden Regie-Generationen entsinnen sich ihrer höchstens noch wie unfroher Fronvögte. Bertolt Brechts unschätzbares Theatererbe, von BE-Direktor Claus Peymann weiträumig umschifft, von Erbin Barbara Brecht-Schall in bedeutenden Teilen eifersüchtig unter Verschluss gehalten, droht allmählich aus dem kulturellen Gedächtnis zu verschwinden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.2.2006)

Von Ronald Pohl
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    Benno Besson

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