"Lost in Translation"

23. Februar 2006, 18:02
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Es spricht für Kühnheit und ein besonderes Gefühl der Sicherheit, wie Sofia Coppola ihre Geschichte erzählt

Es mag einem leicht erscheinen, eine Regiekarriere anzufangen, wenn der Vater einem alle Türen öffnen kann; doch in Wirklichkeit erfordert es viel Mut, in so große Fußstapfen treten zu wollen, und dann doch ein ganz eigenes Ding durchzuziehen. Es spricht für Kühnheit und für ein besonderes Gefühl der Sicherheit gleichermaßen, wie Sofia Coppola ihre Geschichte erzählt von Charlotte und Bob, die verloren, gestrandet sind in einem Hotel in Tokio, zwei Menschen, die die Gesellschaft anderer nur noch einsamer macht, weil sie kein Mensch mehr versteht.

Ein alternder Zyniker und eine junge Melancholikerin, verkörpert von Bill Murray und Scarlett Johansson. "Lost in Translation" ist ein komischer, trauriger Film und sträubt sich hartnäckig gegen das Regelwerk der modernen Liebesgeschichte, in dem festgeschrieben scheint, dass alle Beziehungen handfest sein müssen; diese hier scheint zu schweben, leicht und bittersüß, aber ganz intensiv. Eine Symphonie der kleinen Gesten ...

Räume von belebter Einsamkeit – überall laufen Menschen herum in diesem riesigen japanischen Glaskasten, es nützt nur nichts; und wie tiefgreifend dieses Problem ist, das merkt man, wenn die beiden Helden versuchen mit den Menschen zu kommunizieren, die ihnen vermeintlich nahe stehen. Gespräche auf dem toten Gleis: Charlottes Versuche, mit ihrem Mann zu kommunizieren über ihr Gefühl der Orientierungslosigkeit, das gescheiterte Telefongespräch mit einer Freundin in den USA, Bobs Burgunderqualen, weil die Gattin daheim gerade die Rottöne des neuen Teppichs faszinieren und sonst nichts ...

Und dann kommt die Szene mit dem Fuß, und so wie sie ist der ganze Film, sanft und voller Weltschmerz. Bob, ein Filmstar, der zu Werbeaufnahmen in Tokio ist, und Charlotte, die ihren Mann auf einer Geschäftsreise begleitet, haben einen harmlosen Fernsehabend miteinander verbracht, und fast möchte man behaupten, es sei nichts vorgefallen, was sie ihren Ehepartnern beichten müssten. Aber das stimmt eben nicht ganz, weil Sex viel oberflächlicher sein kann als das. Sie liegen dort, und reden, übers Erwachsenwerden und übers Sinnsuchen. Und dann greift, in einem Augenblick der Stille, Bob nach ihrem Fuß. Das ist eine Geste des totalen Einverständnisses, ein Moment, von dem nichts in irgendeiner Übersetzung verlorengeht. "More than this", singt Bob in einer Karaokebar den alten Song nach von Brian Ferry, "there is nothing." Mehr als das ist auf der Welt nicht zu holen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.2.2006)

Von Susan Vahabzadeh
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    foto: sz
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