Unser Song aus 1957

23. Februar 2006, 18:02
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In der Popmusik liegt ewige Wahrheit. Nur welche? Diese Woche betrachten wir "Whole Lot Of Shakin" von Jerry Lee Lewis

Nein, es würde nicht reichen, wäre dieser Song nur einer der wildesten, energiegeladensten Songs der letzten zweihundert Jahre: Er soll auch eine exklusive Bedeutung haben, eine Bedeutung, die Eltern nicht verstehen.

Man muss nur genau hinhören, muss die Signale, die Codes entschlüsseln, ein bisschen interpretieren, das tut man doch mit Gedichten Brechts auch! –, und man weiß: Es geht bei Whole Lot Of Shakin um Masturbation. Sicher, an der Textoberfläche scheint es, als kämen hier Mann und Frau zusammen – das wäre 1957 Skandal genug!

Doch zu surreal wird diese Zusammenkunft beschrieben, als dass sie wahrhaft erlebt sein könnte. Also wirklich: "Come over, we got chicken in the barn". Auf Deutsch heißt das: "Komm rüber, Mädchen, wir haben Hühner im Stall" – und klingt damit eindeutig nach einer jener Sexfantasien, wie sie 20 Jahre später in deutschen Softpornos zu besichtigen waren.

Neben diesen textinternen Faktoren zieht der Pop-exeget Dave Marsh in seiner bahnbrechenden Arbeit Onan`s Greatest Hits zum Thema Pop und Selbstbefriedigung auch textexterne Kriterien heran, wie etwa Rhythmik: Die trage im vorliegenden Fall eine solche Dringlichkeit, das lyrische Ich sei so entrückt und frei von Schuldgefühlen über den Ausstoß purer Lust: ein revolutionärer Song und sicher wegweisend im Genre der Lieder über Onanie.

Ferner weist Marsh auf Fälle hin, die weniger Interpretationsgeschick erfordern, etwa In My Lonely Room (muss man mehr sagen?) von Martha And The Vandellas, Goin' Home (wozu, bitte?) der Stones, Pictures Of Lily (was hat der mit den Fotos vor?) von The Who. Und natürlich A Hard Days Night, die eine angemessene Belohnung nach einem anstrengenden Tag bereithält. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.2.2006)

Von Philipp Oehmke
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    foto: charlie rec.
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