Friedrich Dürrenmatt: "Das Versprechen"

23. Februar 2006, 18:01
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Zufälle gibt es nicht, wahre Kontingenz kann es in einer Erzählung nur auf Kosten dieser Erzählung geben

Der Kriminalroman tat bis nach dem Zweiten Weltkrieg Dienst am seelischen Gleichgewicht des Lesers. Das Böse war vom Guten leicht zu unterscheiden, es wurde aufgedeckt und gerächt. Die von allen Detektiven praktizierte Methode des logischen Schlussfolgerns, mit der auch psychologische Beweggründe mathematischen Variablen gleich behandelt wurden, hatte etwas kolossal Beruhigendes an sich.

Es waren nicht so sehr die Leser als vielmehr die Autoren selbst, denen die unzweideutig aufklärbare Welt der Krimis allmählich auf die Nerven ging. In "Das Versprechen" hat Friedrich Dürrenmatt einen erbitterten Schweizer Polizeikommandanten die künstliche Teleologie des herkömmlichen Kriminalromans bloßstellen lassen.

Auf einer Zugfahrt entspinnt sich ein Gespräch zwischen diesem und einem Schriftsteller. Der alte Polizist hat nichts dagegen, dass Verbrecher ihre Strafe finden: "Denn jedes Publikum und jeder Steuerzahler hat ein Anrecht auf seine Helden und sein Happy-End, und dies zu liefern sind wir von der Polizei und ihr von der Schriftstellerei gleicherweise verpflichtet. Nein, ich ärgere mich vielmehr über die Handlung in euren Romanen." Da "spielt der Zufall keine Rolle, und wenn etwas nach Zufall aussieht, ist es gleich Schicksal und Fügung gewesen". Sagt's und beginnt, eine Geschichte zu erzählen, die ihm in seiner Amtszeit unterkam und deren Ausgang ganz vom Zufall bestimmt wird.

Gritli ist ermordet worden, ein kleines Mädchen im roten Rock. Und es war nicht das erste Mal, dass so ein Mord in jenem Kanton vorgekommen ist. Der Hausierer, der die Leiche des Kindes gefunden hat, wird sogleich verdächtigt. Nachdem einige Indizien – Vorstrafe und Vorlieben des Mannes – sich gegen ihn verdichtet haben, bringt er sich in der Untersuchungshaft um. Der Fall ist in aller Augen geklärt. Nur einer kann sich damit nicht abfinden: Kommissar Matthäi, ein großer Kriminalist, "ein Genie", wie der Polizeikommandant dem Schriftsteller sagt, "und das in einem größeren Maße als einer eurer Detektive".

Logisch wie Conan Doyle und einfühlsam wie Simenon entwickelt Dürrenmatt die Geschichte, die schließlich zur Entdeckung – wenn auch nicht zur Ergreifung – des wahren Täters führt. Der Kommissar Matthäi scheitert, dem Anschein nach scheitert auch der Autor Dürrenmatt: Es gibt dramaturgische Regeln, die selbst er nicht unterlaufen kann. Anders als der Kommissar hat der Autor sein scheinbares Scheitern aber virtuos inszeniert: Es spielt sich auf einer ironischen Metaebene jenseits der spannenden Kriminalgeschichte ab.

Zwar ist es der Zufall, der dem Kommissar die Methode nahe legt, wie er dem Mörder auf die Spur kommen kann, zwar ist es auch der Zufall, der Matthäi schließlich zu einer tragischen Figur werden lässt – und doch verliert der Zufall, kaum dass er in die Dramaturgie der Geschichte eingearbeitet ist, sein eigentliches Wesen: Wahre Kontingenz kann es in einer Erzählung nur auf Kosten dieser Erzählung geben. Jede Geschichte folgt den ihr eigenen Gesetzmäßigkeiten, wo es diese nicht gibt, gibt es keine Dramaturgie, mithin keine Geschichte.

"Die Wahrheit wird seit jeher von euch Schriftstellern den dramaturgischen Regeln zum Fraße vorgeworfen." Diese Klage des Polizeikommandanten ist das erste Gebot der schriftstellerischen Kunst. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.2.2006)

Von Franziska Augstein
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