Haider unzufrieden: "Vermisse angekündigte Maßnahmen"

7. Juni 2006, 11:34
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PISA-Chef: Müssten eigentlich schon weiter sein - Leider habe das Ministerium "alles wieder gestoppt"

Bei den angekündigten Schulreformen "müssten wir in der Diskussion eigentlich schon weiter sein". Diesen Befund stellte der PISA-Österreich-Koordinator und Leiter der Zukunftskommission, Günter Haider, bei einer öffentlichen Klubsitzung der Grünen am Donnerstag. Er vermisse zahlreiche von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer angekündigte und von allen Parteien gelobte Maßnahmen, so Haider. Nach ersten Initiativen sei "leider alles wieder gestoppt worden".

"Haben nicht unendlich Zeit"

Die Probleme des österreichischen Bildungssystems wie etwa die hohe Zahl der Risikoschüler, die nicht sinnerfassend lesen können, oder der starke Zusammenhang zwischen dem sozio-ökonomischen Hintergrund der Schüler und deren Leistungen seien ja durchaus bekannt. Jetzt wäre es aber langsam Zeit, auch zu Lösungsansätzen zu kommen: "Wir haben nicht unendlich Zeit." So werde etwa über die mittelmäßigen PISA-Ergebnisse Österreichs hauptsächlich in der Form diskutiert, "indem wir uns fragen, ob wir bei Anwendung anderer statistischer Methoden fünf Punkte mehr erreicht hätten oder statt Neunzehnter Siebzehnter geworden wären", kritisierte Haider.

Mit dem im April 2005 vorgelegten Abschlussbericht der Zukunftskommission habe es ein Konzept gegeben, das von allen gelobt und unterstützt worden sei und als Basis für einen Bildungsplan hätte dienen können. Nur werde es eben nicht angewendet und umgesetzt. Damals habe man einen Punkt erreicht gehabt, an dem alle Parteien zugestimmt hätten - leider habe anschließend die VP die Reformmaßnahmen gestoppt, obwohl sie im Kern damit einverstanden gewesen sei.

Zu wenig Akademiker

Als Probleme nannte Haider etwa die niedrige Akademikerquote in Österreich. Dabei müsse man bereits bei der Uni-Reife ansetzen. Während in Staaten wie Neuseeland, Schweden oder Finnland 70 bis 80 Prozent eines Altersjahrgangs die Schule mit einer Universitätsberechtigung abschließen, seien es in Österreich nur rund 40 Prozent: "Aus 40 Prozent Maturanten kann man nicht 60 Prozent Akademiker machen."

Ein weiteres Problem in diesem Zusammenhang sei auch, dass in Österreich die anlagebedingten Begabungsdifferenzen durch die sozio-ökonomischen Schranken noch erhöht würden, meinte Haider. Die AHS seien "hauptsächlich Akademikerreproduktionsstätten" - in dieser Schulform komme es kaum zu einer Durchmischung der Bevölkerungsschichten. Eine solche funktioniere am ehesten noch über die berufsbildenden höheren Schulen.

"Liegt in irgendeiner Schublade"

Zahlreiche Maßnahmen seien nur angekündigt, aber nie umgesetzt worden. Konkret nannte Haider die nach wie vor nicht verordneten Bildungsstandards, wo es offenbar ein "Führungsproblem" gebe, das standortbezogene Qualitätsmanagement ("liegt seit 2001 in irgendeiner Schublade"), die Einführung eines Systemmonitorings samt Erarbeitung einer Bildungsstatistik und eines dem Parlament vorzulegenden nationalen Bildungsplans, den Umbau der Schulaufsicht und die Individualisierung des Unterrichts. Für letztere Maßnahme stimmten die Rahmenbedingungen derzeit nicht: In zu großen Klassen mit zahlreichen Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache sei dies den Lehrern kaum zuzumuten.

"Nachdenken" müsse man auch darüber, was man mit jenen rund zehn Prozent eines Altersjahrgangs mache, die nach Ende der Schulpflicht keine weitere Ausbildung mehr machten. Möglich wäre etwa die Einführung eines Berufsschulpflicht oder überhaupt eine Verlängerung der Schulpflicht. (APA)

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