Die Königin rauslassen

Tanja Paar; Klaus Taschwer, 24. Februar 2006 15:10
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    reuters/juan medina

    Mehrere Meter hoch und dutzende Kilo schwer sind die fantastischen Kostüme.

Auf den Kanarischen Inseln kommt der lateinamerikanische Karneval nach Europa. Zentrum des ausufernden Treibens ist Santa Cruz

Auf den Kanarischen Inseln kommt der lateinamerikanische Karneval nach Europa. Zentrum des ausufernden Treibens ist Santa Cruz, das sich für einige Tage und Nächte in die größte Freiluftdisco der EU verwandelt. Klaus Taschwer war mittendrin.

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Nach zwei Stunden stellen sich die ersten Übersättigungserscheinungen ein. Man hat langsam, aber sicher von den Karnevalsköniginnen und den Platzierten genug, die gleich in drei Altersklassen - Kinder, Erwachsene, Senioren - auf umgebauten Lastwagen vorbeigeführt werden und mit ihrem überdimensionalen Aufputz und dem Lächeln im Gesicht zu kämpfen haben.

Man hat von den Hunderten Clowns genug, die in dutzenden, jeweils gleich kostümierten Trupps vorbeimarschieren, genug von den lustigen Seniorenchören, den herzigen Kinderensembles und allen anderen mehr oder weniger originellen Spaßmachern.

Man ist aber auch von den Hunderten knapp, aber heftig dekorierten Tänzerinnen erschöpft, die zu heißen Salsa-Rhythmen von entsprechenden Trommlerensembles ihre einstudierten Choreografien darbieten. Sie können sich wenigstens bewegen, während man als Zuseher bei rund 15 Grad und leichtem Nieselregen trotz aller heißen Darbietungen langsam zu frieren beginnt. Dabei hat man zwei Stunden lang gerade einmal die Hälfte der insgesamt rund 20.000 Spaßaktivisten gesehen, die am großen Korso von Santa Cruz mitmachen und nimmermüde an den rund 200.000 Zusehern auf der Hafenpromenade vorbeitanzen.

Höhepunkt am Faschingdienstag

Der große Umzug am Faschingsdienstag ist der Höhepunkt und zugleich der Anfang vom Ende des turbulenten Treibens, das sich zu einem riesigen Spektakel ausgewachsen hat und Santa Cruz in den zwei Februarwochen zuvor zur größten Freiluftdisco Europas macht.

Dabei hat der kanarische Karneval eine vergleichsweise kurze Geschichte. Noch unter General Franco, der das Land bis 1973 diktatorisch regierte, waren die Faschingsfeiern auf den Inseln vor der nordwestafrikanischen Küste offiziell verboten. Der sittenstrenge Caudillo gestattete allenthalben eine harmlose Winterschlussfiesta mit strengen, politischen Auflagen und Kostümvorschriften.

Zwar ist die Hauptstraße von Santa Cruz immer noch nach Franco benannt, der 1936 auf der Insel den Spanischen Bürgerkrieg begann. Angesichts der heutigen Dimensionen des Festes und der ziemlich transgressiven Karnevalssitten dürfte der katholische Generalissimo wohl im Grab rotieren. Der amtierende Bürgermeister von Santa Cruz hingegen ist ein großer Förderer des fröhlichen Treibens, das die Bevölkerung ziemlich nachhaltig von der Politik abzulenken scheint.

Jedenfalls bereiten sich die Beteiligten monatelang auf das Fest vor, ähnlich wie in Rio oder Salvador, den erklärten Vorbildern des Karnevals von Santa Cruz. Wie in Brasilien ist auch auf den Kanaren die etymologische Wurzel des Worts Karneval sehr viel offensichtlicher als bei uns: "Carne" heißt Fleisch auf Spanisch, und bevor man dem Fleisch "Vale!", also "Lebewohl!" sagt, wird es noch einmal anständig hergezeigt.

Nicht ganz so heiß

Daran ändern auch die bloß subtropischen Temperaturen nichts: Auf den Kanaren ist es im Februar allenfalls um die 20 Grad warm, und entsprechend geht es in Santa Cruz nicht ganz so heiß her wie in Rio. Musikalisch freilich wähnt man sich in Brasilien oder Kuba, was sich historisch leicht erklären lässt: Viele der frühen Siedler in Mittel- und Südamerika kamen von den Kanarischen Inseln. Entsprechend stark sind bis heute die Bande zwischen diesen spanischen Inseln vor Afrika und jenen Ländern der Neuen Welt, wo Samba, Salsa und Co zu Hause sind.

Dass abends in einem Pavillon des Stadtparks eine aus Kuba eingeflogene Salsa-Band spielt und davor Vampire mit Krankenschwestern und Piraten mit Prinzessinnen - jeweils aller Altersklassen - das Tanzbein schwingen, das hat schon etwas. Neben solchen Oasen anmutiger Fröhlichkeit dominiert in den Straßen von Santa Cruz ansonsten eher der Faschingsballermann: Riesige, mobile Lautsprecheranlagen sondern die üblichen dröhnenden Technobeats ab, und die Jugend berauscht sich dazu mit den üblichen Halluzinogenen.

Vierzehntägiges Dauerfest

Immerhin sind vergleichsweise wenige Touristen Teil des vierzehntätigen Dauerfestes. Für jene aus Mitteleuropa ist allerdings manches daran nicht ganz leicht zu verstehen. So haben viele Männer von den Inseln und auch vom spanischen Festland anscheinend den größten Spaß, sich als Frau zu verkleiden und Santa Cruz in eine riesige Transenflaniermeile zu verwandeln. Der spanische Machismo scheint ebenso ins Gegenteil umgeschlagen zu haben wie ganz generell die Unterdrückung des Sexuellen während der Regimezeit.

Auf Teneriffas Nachbarinsel Gran Canaria ist überhaupt die Wahl zur besten Dragqueen der Faschingshöhepunkt, der natürlich stundenlang live im Fernsehen übertragen wird. In der lokalen Fernsehtalkshow hat die Barbara Karlich der Kanaren einen achtjährigen Buben samt seiner Mutter zu Gast. Grund für die Einladung: Der Kleine hatte bereits mit vier den sehnlichen Wunsch, Dragqueen zu werden, wie seine Mutter stolz erzählt und anhand von Fotos dokumentiert. Bis jetzt waren aber die Kostüme zu teuer.

Dann die Überraschung für den Kleinen: Eine frisch gekürte Dragqueen stöckelt auf ihren 15 Zentimeter hohen Absätzen ins Studio, mit einem Gutschein - damit er als Neunjähriger endlich auch in schriller Frauenverkleidung mit dabei sein kann.

Karnevalskönigin

Das Ziel der meisten Mädchen von Teneriffa bleibt es hingegen, Karnevalskönigin von Santa Cruz zu werden. Bei der Wahl geht es nicht nur um ihre Schönheit oder Intelligenz, sondern vor allem um ihre aufwändigen Kostüme, die eine ähnliche Sackgasse der Evolution darstellen wie die hypertrophen Schwanzfedern des Pfaus.

Der Aufputz überragt die Anwärterinnen auf die Königskrone im Normalfall um die doppelte Körpergröße, weshalb sie die Dutzende Kilogramm schweren Kostümauf- und -anbauten gar nicht mehr selbst tragen, sondern auf einem eigens angefertigten, fahrbaren Untersatz mitschleppen. Und dafür wiederum müssen sie ein halbes Jahr vor dem eigentlichen Wettbewerb mit Krafttraining im Fitnessstudio beginnen.

Mit Spaß hat das jedenfalls weniger zu tun als mit harter Arbeit, zumal, wenn sie dann zum krönenden Abschluss beim großen Korso auf ihrer Lastwagenbühne bei 15 Grad halb nackt durch die Massen geschoben werden - mit sandsackschwerer Dekoration am Körper und einem etwas gezwungenen Lächeln im Gesicht. Mehr als zwei Stunden lang. Aber was tut man nicht alles, um Karnevalskönigin zu werden. (Der Standard/rondo/24/2/2006)

Allgemeine Infos:
Spanisches Fremdenverkehrsamt,
Walfischg. 8/12
A-1010 Wien
Tel.: 01 / 512 95 80,
Fax: 01 / 512 95 81
Spain Info

Infos zum Karneval:
Web Tenerife

Carnaval Tenerife

Carnavel de Tenerife

Kanaren Journal

Unterkunft:
Z. B: das Sheraton Mencey Hotel in Santa Cruz de Tenerife
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