Neue CDs: Die Sonne brennt langsam

2. März 2006, 17:42
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Gespreiztes Dandytum und John Lennon Ehrerbietung: Neue Alben von Kelley Stoltz und The Elected erfreuen mit Sixties-affinem Pop

"Ever Thought Of Coming Back" klingt nach einem vertonten Brian-Wilson-Abziehbild zu dessen produktivsten Zeiten. Eine bestechende Melodie, stimmlich in den blauen, kalifornischen Himmel tiriliert, dazu ein seit Phil Spector bekannter Rhythmus, der den Dreiminüter gleichermaßen erdet wie voranschiebt: Bumm! Tschak! Bumm! Bumm! Tschack! - und fertig ist ein nahezu perfekter Popsong. Ein Lied wie ein erster wärmender Frühlingssonnenstrahl nach der Dunkelheit des Winters. Hoffnung und Erhabenheit verströmend.

Mäuerchen of Sounds

Dass die Sixties im Pop immer noch als goldener Boden ewiger Inspiration dienen, dafür gibt es Beweise wie Buben am Strand. Kelley Stoltz ist einer davon. Der in San Francisco beheimatete Songwriter und Bandvorstand veröffentlichte eben sein zweites Album Below The Branches. Eine erlesene Sammlung von filigranen Homerecordings und in großem Format inszenierten Songs, denen ein wenig das Hippie-Spinnertum seiner Heimatstadt anzumerken ist. Auch wenn Stoltz alles andere als ein alter "Woodstocker" ist, scheint ihm eine gewisse Friede-, Freude-, Eierkuchenneigung wesenseigen zu sein, die aber auch Songs bedingt, die sich durchaus als Anklagen gegen herrschende Zustände und Systeme lesen lassen: "Jesus Christ, if you ever thought over coming back, now is the time". Derlei Ratschläge formuliert Stoltz wahlweise am Klavier oder er spielt Gitarre - manchmal Slide -, bemüht stellenweise Streicher und errichtet damit Wall of Sounds. Wobei diese dem Arbeitsansatz des zu Hause Musizierens entsprechen und eher als Mäuerchen zu bezeichnen sind. Ihrer Wirkung tut das keinen Abbruch.

Aufgetaucht ist Stoltz 2001 mit seinem Erstling Antique Glow, den er in Ermangelung eines Labels zuerst selbst auf Vinyl presste und auch selbst unter die Leute brachte. Im Laufe der Zeit entwickelte das Album eine gehörige Eigendynamik. Ein Label sowie eine CD-Nachpressung folgten der größer werdenden Nachfrage, und 2004 fand sich das Werk schließlich nach breiterer Wahrnehmung in etlichen Jahresbestenlisten wieder. Mittlerweile ist Stoltz bei Sub Pop unter Vertrag.

Neben dem Brian-Wilson-Branding gebühren dem Mann mit den sich verdünnenden Haaren auch Ehrungen für die Denkmalspflege von John Lennon und The Velvet Underground. The Sun Comes Through atmet den Geist des Beatles sehr, sehr unverschämt, hält die Produktion allerdings bewusst nachlässig, Betonung auf lässig. Selbiges gilt für Birdies Singing, das klingt, als hätte Lou Reed plötzlich seine Säuerlichkeit verlassen. Erstaunlich - wie der gute Rest des Albums.

Details aus diversen Genres

Selbiges gilt für die Labelkollegen The Elected und ihr zweites Album. Das Quartett um Blake Sennett, bekannt auch von Rilo Kiley, einer Band aus dem Bright-Eyes-Einzugsgebiet, spielt einen etwas artifiziell gespreizten Pop, der um liebevolle Details aus diversen Genres angereichert ist: Die Ergebnisse klingen countryesk, blauäugig-soulig, seemännisch mit Akkordeon, urbanisiert blue-grassig, ja, in der Kunst der Melodie gar smokieesk! Ein Kniefall vor derlei Unverfrorenheit. Über diese eklektische Mischung, die nie zu viel des Guten aufträgt, legt der Exzentriker Sennett seine feine Stimme wie süßen Schmelz. Gepflegter Schmalspur-Dandy der er ist, haucht, stöhnt und erfleht er unermüdlich Glückseligkeit, formuliert seufzend sämtliche der Menschheit bekannten Sehnsüchte.

Dass er dazwischen vergleichsweise erdige Stücke schafft, macht das Album reicher als das schon wunderbar gelungene Debüt Me First aus 2004, auf dem The Elected auch ein paar elektronische Zierleisten angebracht hatten. Auf dem neuen Silberling tröpfeln zart-bittere Melodien aus dem Piano, dort schreitet Sennett zu einer satten Orgel forsch durch einen Song - immer darauf bedacht, nicht die Contenance zu verlieren und die Wirkung seiner Gesten zu kontrollieren. Ein "slow burner", aber einmal entfacht, brennt das Album wie die Sonne: Ein Blick auf seinen Titel bestätigt das: Sun, Sun, Sun. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.2.2006)

Von Karl Fluch
  • Kelley Stoltz: "Below The Branches" (Sub Pop/Trost)
    foto: sub pop/trost

    Kelley Stoltz: "Below The Branches" (Sub Pop/Trost)

  • The Elected: "Sun, Sun, Sun" (Sub Pop/Trost)
    foto: sub pop/trost

    The Elected: "Sun, Sun, Sun" (Sub Pop/Trost)

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