Kleiner Rundgang durch die Welt jazziger und klassischer CD-Neuheiten

2. März 2006, 17:42
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Neue Alben von der Paul Motian Band, Puschnig/Sharrock, Helène Grimaud und den Berliner Philharmonikern

PAUL MOTIAN BAND
Garden of Eden

(ECM/Lotus)
Unter Schlagzeugern gibt es durchaus verschiedene Definitionen von dem, was Intensität sein kann. Da gab es Jazzrock-Ritter, die man hinter ihrem heftig traktierten Gerät nicht mehr richtig sah, da es sich um Rhythmusburgen handelte. Das Gegenteil bei Paul Motian: da ein kleiner Impuls, dort ein kleiner Akzent, erstaunlich, wie effektiv sein Minimalismus ist. Motian agiert gleichsam wie ein Maler, der die Musik einfärbt, dabei aber immer die Gesamterscheinung der Musik dominiert. Mit seiner Band produziert er ein ruhig fließendes Klangbild, Bewegung kommt vom dialogischen Charakter her. Zwei Gitarren und zwei Saxophone parlieren auf Grundlage malerischer Motian-Stücke und Ideen von Charles Mingus. Eine wunderbare Verschmelzung von Intimität und Intensität. Offene Klangkunstwerke als Hommage an die Jazzhistorie.

PUSCHNIG/SHARROCK
Late Night Show I

(Quinton)
Saxophonist Wolfgang Puschnig und Sängerin Linda Sharrock nehmen sich hier alte Hadern vor, verstehen sie als atmosphärische Nachtgeschöpfe und schaffen es, dem sattsam Bekannten eine schummrig-individuelle Facette abzuringen. Wie immer höchst subjektiv Sharrocks zerbrechlich-eindringliches Sprechsingen. Und wie immer schafft es Puschnig bei seinen Soli, Gedanken ohne Notenverschwendung auf den Punkt zu bringen. Da ist kein Ton zu viel, Substanz allerorten. Damit das Ganze auch einen nächtlichen Radiocharakter erlangt, führt zwischen den Nummern die Radiostimme von Joe Remick durch die CD-Sendung. Mit dabei auch ein längerer Ausflug in Coltranes modale Welt, die viel Raum zur Entfaltung bietet.

HELÈNE GRIMAUD
Reflections

(Universal)

Um die aparte Dame herum lassen sich Geschichten bauen, die sich dann womöglich gefühlsverstärkend auf die Musik übertragen lassen. Frau Grimaud, das hyperaktive Kind und nun die sensibel-wilde Frau, die mit Wölfen zusammenlebt, sorgt aber immer dafür, dass auch ihre CDs Geschichten erzählen. Hier geht es um jene von Liebenden, von Robert und Clara Schumann und deren Freund Johannes Brahms, der nach Roberts Tod Clara mindestens freundschaftlich verbunden blieb... Da wird also das Schumann'sche Klavierkonzert anständig und überzeugend vor allem im Drängenden exekutiert (mit Esa-Pekka Salonen und der Staatskapelle Dresden); da ist aber auch romantisch aufgeladenes Liedgut von Clara (mit der etwas forciert klingenden Anne Sofie v. Otter) - und schließlich Freund Brahms: Zusammen mit Cellist Truls Mork präsentiert Grimaud die 1. Klavier / Cello-Sonate und legt zwei Rhapsodien nach. Da ist Feuer drin, aber auch etwas Ungestümes.

DIE BERLINER PHILHARMONIKER
Schubert

(EMI)
Bisweilen geht Dirigent Sir Simon Rattle dermaßen auf Werkdetails ein, dass manches dann etwas übergestaltet wirkt. Nicht hier, bei der 9. Symphonien von Franz Schubert. Wunderbar ausgewogen, eindringlich und voll der Sound der Berliner Philharmoniker; er bildet die opulente Basis für eine Wiedergabe, in der Linien großzügig aussingen können, das Simple beschwingte Leichtigkeit atmet, und das Dramatische in wunderbarer Balance mit anderen Ausdrucksanforderungen des Werkes steht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.2.2006)

Von Ljubisa Tosic
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PAUL MOTIAN BAND Garden of Eden (ECM/Lotus)
    foto: ecm/lotus

    PAUL MOTIAN BAND
    Garden of Eden

    (ECM/Lotus)

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