Gefühlte Temperatur

16. Oktober 2006, 12:02
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Unsereins geht ja schon im Hochsommer der Wind auf die Nerven - Oder: Das Gefühlte kann nicht gemessen werden

+++Pro
Von Wolfgang Weisgram

Die Fuchs ist eine ausgesprochen nette Kerlin, die, übers wunderbare Kochen mit der Harrer hinaus, einem den Kopf verdrehen kann, zum Beispiel mit der Anfrage, ob man ein "Pro" hinbringen könnte zum Thema "gefüllte Temperatur". Das kann man natürlich, keine Frage. Aber selbst erlaubt man sich nicht die Retourfrage, natürlich nicht, was denn so eine "gefüllte Temperatur" überhaupt sei. Denn die Schönheit liegt ja in der Rätselhaftigkeit. Und die wiederum in der Frage: Ist man dafür oder dagegen?

Ich bin dafür! (Das ist auch der Fuchs'sche Auftrag!). Von der Rindsroulade angefangen bis zum grünen Paprika könnte man jetzt ein Loblied aufs Gefüllte anstimmen, wäre da nicht die quälende Ungewissheit, ob die Fuchs jetzt "gefüllte" oder "gefühlte" Temperatur gesagt hat. Für die "gefüllte" Temperatur lässt sich allemal sein. Aber "die gefühlte"? Unsereins geht ja schon im Hochsommer der Wind auf die Nerven. Ich bin also, quasi, gegen eine "gefühlte Temperatur", dafür aber für eine höhere (nur das kann ich der Fuchs nicht sagen, denn das war nicht ihr Auftrag). Also sagen wir es so: Ich bin pro! (Was immer das jetzt im Detail auch heißen mag.)

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Contra---
Von Karin Krichmayr

Mit der gefühlten Temperatur verhält es sich ähnlich wie mit dem Feinstaub: Irgendwie haben wir es schon immer gewusst, dass die Luft nicht genau das ist, was uns im Winter eiskalt vorschwebt oder von Meteorologen in glasklare Zahlen gegossen wird - nur gibt es jetzt erhellende Messwerte, die suggerieren, wie wir uns wirklich in unserer Haut oder Lunge zu fühlen haben. Doch das Gefühlte ist etwas zu Individuelles, als dass es gemessen werden könnte: Schließlich spielen russische Pensionisten auf einem zugefrorenen See im Badeanzug "Wasserball", während Afrikaner in unseren Breiten auch im Sommer Daunenjacken tragen.

Der Trend, gnadenlos objektiven Daten ein subjektives, quasi "menschliches" Gesicht zu geben, ist in einer technokratischen Realität, in der kaum mehr an der Aussagekraft von Statistiken und Tabellen gezweifelt wird, begrüßenswert. Doch dann müsste konsequent vorgegangen und jegliche standardisierten Referenzwerte über den Haufen geworfen werden. Es kommt ja auch niemand auf die Idee, von "gefühltem" Gewicht oder Alter, von "gefühlter" Uhrzeit oder Fahrgeschwindigkeit zu sprechen.
(Der Standard/rondo/24/02/2006)

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