Von Quoten und Grenzen

27. Februar 2006, 17:47
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Die Situation Südtiroler Studierender vor und nach dem EuGh-Urteil - Sprachliche Grenzziehungen als politische Trennungen

Rund 5.500 SüdtirolerInnen studieren in Österreich, doch ist "Südtiroler" nicht gleich "Südtiroler": Ob man eine italienisch- oder deutschsprachige Schule besucht hat, wird zum Maßstab. Die Chancen und die Identität der deutschsprachigen SüdtirolerInnen gelten dabei manchmal nicht für die "anderen", die "Italiener".

Maßstab Matura

Natalija spricht im Freundeskreis Deutsch, mit ihrer Familie Serbisch. Seit zwei Jahren versucht sie an einer medizinischen Universität in Österreich zugelassen zu werden. "Als Südtirolerin mit italienischer Matura ist das gar nicht so leicht," meint Natalija. "Mit einer deutschen Matura hätte ich Vorteile gehabt." Eigentlich hatte sie stets eine deutschsprachige Schule besucht, nur ihren Abschluss an einer italienischsprachigen Schule gemacht. Vor dem EuGh-Urteil mussten SüdtirolerInnen mit italienischer Matura in bestimmten Fällen eine so genannte "Studienplatznachweis-Prüfung" machen. Dies betraf all jene Studiengänge, die in Italien mit einer Zulassungsprüfung verbunden sind. Drei Tage nach Bekanntgabe des EuGh-Urteils hatte Natalija ihre "Studienplatznachweis-Prüfung" geschafft - umsonst.

Neue Barrieren

Das EuGh-Urteil hat die Situation für Südtiroler Studierende mit italienischer Matura nicht prinzipiell verändert: Zwar fällt die lästige "Studienplatznachweis-Prüfung" weg, doch gibt es neue Barrieren. Durch die kürzlich von Bildungsministerin Gehrer eingeführte Quotenregelung im Bereich Medizin beispielsweise: Wer eine italienische Matura hat, zählt nicht wie jene mit deutscher oder ladinischer zur österreichischen 75%-Quote. Italienischsprachige SüdtirolerInnen gelten als "Italiener" und fallen dementsprechend in die 20%-Quote der EU-BürgerInnen. Doch kann eine italienische Matura nicht prinzipiell mit einer italienischen "Sprachgruppenzugehörigkeit" gleichgesetzt werden. Zahlreiche zweisprachig aufgewachsene Jugendliche stehen jährlich vor der Entscheidung, ob sie eine deutsch- oder italienischsprachige Oberschule (Oberstufe) besuchen möchten. Auch entscheiden sich manche deutschsprachige SüdtirolerInnen für eine italienischsprachige Schule und umgekehrt.

SüdtirolerInnen als österreichische Minderheit

Dass italienischsprachige SüdtirolerInnen in die 20%-Quote fallen, ist nicht unbedeutend: Für Südtirol wie auch für seine "Schutzmacht" Österreich zählen sie demnach in erster Linie als "Italiener". So stellte der Südtiroler Landeshauptmann Durnwalder im August 2005 fest, dass die Südtiroler nicht nur ein deutschsprachige, sondern auch eine österreichische Minderheit auf italienischem Staatsgebiet seien. Anlass für dieses Statement war die Aussage des ehemaligen italienischen Staatspräsidenten Cossiga, SüdtirolerInnen seien keine österreichische, sondern eine deutsche Minderheit, da Österreich keine Nation darstelle. Durnwalders Klarstellung verweist auf eine in Südtirol oftmals artikulierte Annahme, SüdtirolerInnen italienischer Muttersprache seien keine "richtigen" SüdtirolerInnen. Wenn deutschsprachige SüdtirolerInnen als österreichische Minderheit angesehen werden, haben italienischsprachige SüdtirolerInnen keinen Zugang zu dieser Identität.

Eine politische Trennung

Dass SüdtirolerInnen italienischer Muttersprache im österreichischen Hochschulsystem im Gegensatz zu ihren "Landesgenossen" einen anderen Status besitzen, sei laut Walter Obwexer, Assistent am Institut für Völkerrecht und Internationale Beziehungen der Universität Innsbruck, eine politisch gewollte Trennung. Es sei verständlich, dass Österreich italienischsprachigen SüdtirolerInnen nicht das Studium finanzieren wolle. Diese hätten nämlich im Gegensatz zu deutschsprachigen SüdtirolerInnen die Möglichkeit in Italien zu studieren. Deutschsprachigen SüdtirolerInnen soll ihr Recht auf Bildung in der Muttersprache durch die Gleichstellung mit ÖsterreicherInnen ermöglicht werden.

Hypothese "zweisprachige Schule"

Das Recht auf Bildung in der Muttersprache wurde in der Vergangenheit immer wieder als gefährdet betrachtet. Zum Beispiel als rund um das Jahr 2000 von diversen Gruppen eine zweisprachige Schule gefordert wurde. Auch für den EU-Rechtsexperten Obwexer wäre dies ein bedenkliches Projekt: "Das Recht auf Bildung in der Muttersprache könnte beeinträchtigt werden." Falls es jemals eine solche "zweisprachige" Matura geben sollte, würde es an Österreichs Entscheidung liegen, diese mit der österreichischen gleichzustellen oder nicht. Eine hypothetische - aber interessante Überlegung, da in einem solchen Falle eine Gleichstellung nur der deutschen (und nicht der italienischen Matura) absurd erscheinen würde. Anzumerken ist, dass auch die ladinische (in Österreich gleichgestellte) Matura eine dreisprachige ist.

Sprachgrenzen überwinden

Das EuGh-Urteil hat auch für SüdtirolerInnen mit deutscher Matura Änderungen mit sich gebracht, so Obwexer. Früher mussten sie im Gegensatz zu ÖsterreicherInnen nicht Lateinkenntnisse nachweisen, um an einer österreichischen Medizinuni zu studieren. Denn an italienischen Universitäten wird dies nicht verlangt. Nun gibt es eine Gleichstellung, da für alle die Universitätsberechtigungsverordnung gilt, erklärt Obwexer. Zwischen deutschsprachigen und italienischsprachigen SüdtirolerInnen gibt es jedoch keine Gleichstellung. Es existieren auch keine Statistiken, wo ersichtlich wird, wie viele italienischsprachige SüdtirolerInnen den Unibesuch in Österreich wagen und umgekehrt.

Die Südtiroler HochschülerInnenschaft (SH) unterstützt jede Initiative, die Sprachgrenzen zu überwinden: "Unsere Forderung nach gleichem Recht auf Bildung für alle widerspricht sowohl der aktuellen, als auch der geplanten (Quoten-)Regelung," meint Stefan Sulzenbacher, Mitglied des SH-Vorstands. "Italienische StaatsbürgerInnen mit einer Matura von einer deutschsprachigen Oberschule werden wie ÖsterreicherInnen behandelt, während Menschen mit gleichen Vorraussetzungen, die an einer italienischsprachigen Oberschule maturiert haben, als x-beliebige EU-BürgerInnen mit verstümmelten Rechten gelten." (ruka)

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