Heimische Wirtschaft will schärfere Zumutbarkeitsbestimmungen

29. März 2006, 14:57
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WKÖ-Mitterlehner: Berufsschutz und Entgeltschutz könnten "niedriger dotiert" sein - Leitl will arbeitslose Jugendliche auch aus Großraum Wien für Westösterreich begeistern

Wien - Nach gut einem Jahr werden heuer die 2005 reformierten "Zumutbarkeitsregeln" evaluiert. In den Augen von Reinhold Mitterlehner, Vize-Generalsekretär der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), könnten dabei etwa der Berufsschutz und der Entgeltschutz "etwas niedriger dotiert" werden. Derzeit kann ein Arbeitsplatz abgelehnt werden, wenn die Entlohnung unter 80 Prozent der letzten Stelle liegt. Auch bei der Vermittlung von Jobs außerhalb des Wohnorts will die Wirtschaft weitere Lockerungen. "Zuweisungen" will man aber nicht als "Zwang" verstanden wissen.

Vermittlungsprämie

Bei der Stellenvermittlung will die Wirtschaftskammer mehr in Richtung "Prämiensystem". Pilotprojekt ist hier ein Jugendarbeitslosen-Projekt in der "Aufleb"-Stiftung. Hier gibt es für jeden "nachhaltig" an ein Unternehmen vermittelten jungen Arbeitslosen 250 Euro für den privaten Stellenvermittler. Bedingung: Der so vermittelte Arbeitnehmer muss jedenfalls mehr als vier Monate erfolgreich an dieser Stelle beschäftigt sein.

Mangelnde Mobilität

Dass das Arbeitskräfteangebot derzeit stark ansteigt, liegt nach Angaben der Kammer auch daran, dass deutsche Arbeitnehmer zunehmend am österreichischen Arbeitsmarkt aktiv sind. Wirtschaftskammerpräsident Chrioph Leitl will auch die Österreicher zu mehr Mobilität bewegen, räumlich wie zeitlich. Dass junge Leute aus Thüringen oder anderen Gegenden Ostdeutschlands "auf Saison" in Fremdenverkehrsgebiete in Tirol oder Vorarlberg gehen, dies aber stellensuchenden junge Menschen aus der österreichischen Ostregion zur Überbrückung von Arbeitslosigkeit eher nicht einfällt, missfällt der Arbeitgebervertretung.

"Wenn jemand im Aufnahmegespräch sagt, er hat etwas gemacht, spricht das doch für den jungen Menschen", meint Leitl. Da gehe es nicht um tägliche Anfahrt zum Arbeitsplatz, sondern um mehrmonatige Saison-Stellen.

Beschäftigungsanreiz

Die Wirtschaftskammer-Spitze zitiert Angaben des Arbeitsmarktservice (AMS), wonach es ein Potenzial von bis zu 5.000 offenen Stellen gibt, die nicht besetzt werden können, weil die angebotene Entlohnung zu niedrig ist. Um Leute im Niedriglohnbereich zu fördern, wurde mit 1. Februar 2006 der so genannte Kombilohn eingeführt. Damit, so die Kammer, werde vor allem schlecht qualifizierten Arbeitslosen ein Einstieg in den regulären Arbeitsmarkt eröffnet. Und damit werde Arbeit gefördert an Stelle von Arbeitslosigkeit. Auch sei dies ein Schritt in Richtung Beschäftigungsanreiz. In Österreich sei nämlich der Anteil der so genannten Beschäftigungsanreize an den Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik mehrere Jahre hindurch sukzessive gesunken, während diese Maßnahmen im EU-Schnitt in den Jahren 1998 bis 2003 immer wichtiger geworden seien.

Wegzeiten

Laut Wirtschaftskammer haben die neuen Zumutbarkeitsbestimmungen - ungeachtet des aus Unternehmer-Sicht abermaligen Reformbedarfs - bereits zur Dynamisierung des Arbeitsmarktes beigetragen. So wurde der Berufsschutz auf 100 Tage verkürzt und ein Entgeltschutz eingeführt. Ab dem 101. Tag der Arbeitslosigkeit kann in einen anderen Beruf vermittelt werden, wenn das Gehalt 80 Prozent der Bemessungsgrundlage für das Arbeitslosengeld beträgt. Was die "angemessene" Wegzeit betrifft, so ist seit vorigem Jahr eine Wegzeit von zwei Stunden täglich bei Vollbeschäftigung zumutbar, und von eineinhalb Stunden täglich bei Teilzeit von 20 Stunden. In Pendlerregionen gelten auch darüber liegende Wegzeiten als zumutbar.

2005 wurde laut Leitl und Mitterlehner die durchschnittliche Vormerkdauer von Arbeitslosen von 143 auf 90 Tage reduziert. Die "Vermittlungsdauer" ist von 107 auf 99 Tage gesunken. Damit sei eine "Schallmauer" nach unten durchbrochen worden, was die Wirtschaftskammer schon als Effekt der neuen Zumutbarkeitsbestimmungen wertet. (APA)

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    "Zuweisungen" will man in der Wirtschaftskammer nicht als "Zwang" verstanden wissen.

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