Sozialanthropologe Gingrich sieht Chancen auf Lernprozess

24. Februar 2006, 10:42
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Wittgenstein-Preisträger beschäftigt sich mit Gesellschaftsentwicklungen in islamischen Ländern

Wien - Kurzfristig führt nach Ansicht des Wiener Sozialanthropologen Andre Gingrich der Streit um die Mohammed-Karikaturen zu einer Verhärtung - nicht nur in islamischen Ländern, sondern auch in Europa. Längerfristig sieht der Wissenschafter, der im Rahmen seines Wittgenstein-Preises Gesellschaftsentwicklungen in islamischen Ländern untersucht, auch Chancen und die Möglichkeit dazuzulernen: "Im Westen haben viele Menschen erstmals bemerkt, dass es im Islam bestimmte Tabus gibt, und in islamischen Ländern haben viele erstmals etwas von Meinungs- und Pressefreiheit gehört", sagte Gingrich gegenüber der APA.

Neuer Pluralismus in allen Schichten

Gingrich, der 2000 mit der höchstdotierten österreichischen Wissenschaftsauszeichnung, dem Wittgensteinpreis, geehrt wurde, und sein Team haben im Rahmen eines Forschungsprojekts an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) über verschiedene Gesellschaftsentwicklungen in islamischen Ländern auf sozialer Ebene einen neuen Pluralismus in allen Schichten geortet. Dies habe aber fast zwangsläufig auch zu einer Gegenbewegung und verstärkten Radikalität seitens etablierter islamischer Kräfte geführt, so der Befund des 2004 abgeschlossenen Projekts, den Gingrich im aktuellen Karikaturen-Streit bestätigt sieht. Auf der wirtschaftlichen und sozialen Ebene gebe es den langfristigen Trend zu Pluralismus weiter, aber kurzfristig zeige sich nun erneut diese "sehr starke Gegenströmung".

Innenpolitische Erstarrung

Wobei die aktuelle Situation sicher auch von manchen Regimes ausgenutzt werde, um von inneren Spannungen und Problemen abzulenken und die Gefühle und Emotionen nach Außen hin zu kanalisieren, meint der Wissenschafter: "Und das ist schon eine problematische Sache, die nicht nur international bedenklich ist, sondern in diesen Ländern innenpolitisch zu einer Erstarrung führt, obwohl es viele ungelöste Probleme gibt."

Insgesamt erwartet der Anthropologe auf politischer, diplomatischer, moralischer, religiöser und ideologischer Ebene eine Verhärtung. "In einer solchen Situation können sich immer die radikaleren Kräfte mehr Gehör verschaffen, als jene, die zur Mäßigung und Vernunft mahnen."

Mittel- und längerfristig werde es davon abhängen, was man mit einer solchen Situation anfange. "Wenn man in Europa begreift, dass man auch mit den muslimischen Mitbürgern ähnlich respektvoll umgehen muss wie mit den christlichen oder jüdischen, dann kann das zu einem Mehr an Respekt führen. "Und wenn man in der islamischen Welt erkennt, dass es auch andere als religiöse Prinzipien gibt, die wichtig sind, wie Meinungs- oder Pressefreiheit, dann kann das eine zusätzliche Chance für mehr Demokratie sein", sagte Gingrich.

"Kulturkampf" verkürzt

Dem Begriff Kulturkampf steht Gingrich im Zusammenhang mit dem Karikaturen-Streit distanziert gegenüber. So lasse sich der Konflikt nicht auf einen Streit zwischen islamischer und westlicher Welt verkürzen. "Das ist auch eine Auseinandersetzung innerhalb der westlichen Gesellschaft, etwa in der Frage, wie man mit Religionsgemeinschaften einerseits und mit den Grundprinzipien der Demokratie andererseits umgeht."

Gingrich teilt den Befund, dass die islamische Religion seit den Terroranschlägen von New York unter zunehmenden Druck geraten sei. "Die Menschen in der islamischen Welt werden für Dinge verantwortlich gemacht, für die sie nichts können, und es werden von ihnen Dinge gefordert, die unmöglich einem frommen Moslem abzuverlangen sind." Ob die vielfach geäußerte persönliche Verletzung von Moslems durch die Mohammed-Karikaturen nachvollziehbar sei, hänge davon ab, wie nahe man selber zentralen Werten einer Religionsgemeinschaft stehe.

"Das Verhüllen und Verdecken ist jedenfalls im Islam ein wichtiger Aspekt, der im Christentum kein unmittelbares Pendant hat", so der Anthropologe. Verhüllt sei vieles, etwa das zentrale Heiligtum in Mekka, die Kaaba, um zu verhindern, dass die Gläubigen etwas anderes anbeten als Gott. Aus diesem Grund sei auch die bildliche Darstellung des Propheten Mohammed ein Tabu.

Aufschwung der Religionen

Der Wissenschafter weist im Zusammenhang mit dem Karikaturenstreit auch darauf hin, dass generell die Religionen im Aufwind seien, nicht nur in der islamischen Welt. Dies hänge aber weniger an den Religionen selbst, sondern daran, "dass die Säkularisierung viele enttäuscht hat und für viele mit Verkommenheit und dem Verfall moralischer Werte gleichgesetzt wird". Das müsse man auch hinterfragen, wenn es um die Zukunft Europas gehe, meinte Gingrich. (APA)

  • Andre Gingrich erwartet sich angesichts des Karikaturen-Streits eine Verhärtung auf politischer,
diplomatischer, moralischer, religiöser und ideologischer Ebene.
    foto: standard/regine hendrich

    Andre Gingrich erwartet sich angesichts des Karikaturen-Streits eine Verhärtung auf politischer, diplomatischer, moralischer, religiöser und ideologischer Ebene.

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