"Der Mix von Alt und Jung wird kommen - im Interesse aller"

2. August 2006, 10:19
13 Postings

Horst Mayer, Zukunftsforscher und Humanökologe, im derStandard.at- Gespräch über "Wohnen im Jahr 2100", Altersgrenzen und neue, alte Lebensräume

In knapp hundert Jahren wird das Leben der Menschen um vieles anders aussehen - davon ist Horst Mayer überzeugt. Der Humanökologe und Zukunftsforscher, der am kommenden Freitag im Rahmen des Kongresses "Häuser der Zukunft" in Wien zum Thema "Wohnen im Jahr 2100" sprechen wird, sagt im Gespräch mit derStandard.at für dieses Jahrhundert eine "neue Landflucht" voraus: "Die städtische Straße als Lebensraum wird wieder kommen, weil das eine Notwendigkeit ist." Außerdem hält er es durchaus für möglich, dass die Menschen im Jahr 2100 wesentlich älter werden können: "Ich glaube, dass die Grenze von 180 Jahren von Niemandem mehr belächelt werden wird."

"Das Sortierprinzip wird wieder aufhören"

Was das künftige Zusammenleben der Generationen betrifft, ist Mayer sehr zuversichtlich: "Die Selektion in 'männlich, leistungsstark, 20-25 Jahre alt' wird Vergangenheit sein. Die Menschen werden gar nicht mehr in der Lage sein, vernünftig leben zu können, wenn sie nur unter Gleichaltrigen und gleich Leistungsfähigen sind."

"In dem Moment, wo die ganzheitliche Position reinkommt, können wir auf die Alten nicht mehr verzichten", so Mayer weiter. Tendenzen in Richtung von "Senioren-Städten", wie es sie in den USA etwa mit der "Sun City" bereits gibt, hält er deshalb für den völlig verkehrten Ansatz, und in Europa werde dies auch nicht kommen, davon ist er überzeugt. "Ich glaube, dass dieses Sortierprinzip wieder aufhören wird. Der Mix von Alt und Jung wird in aller Interesse einfach kommen."

"Wir werden überrannt von den technischen Entwicklungen"

Mayer prophezeit unter anderem, dass im Jahr 2100 der Wohnbereich des Partners/der Partnerin "virtuell" betreten werden wird können. Telefoniert wird durch bloßen Zuruf, durch "Geolocating" kann jede Person an jeder Stelle der Erde aufgespürt werden. Die technische Entwicklung hin zum elektronischen "Überwachungsstaat" hält er für nicht mehr aufhaltbar, man müsse sich vielmehr damit arrangieren: "Ich glaube, dass wir da einfach überrannt werden von den technischen Entwicklungen. Einen fahrenden Zug ohne Lokführer kann man nicht aufhalten, wenn man sich in den Weg stellt. Man muss einfach aufspringen – ob man will oder nicht."

Weiter zum Interview ->

derStandard.at: Herr Mayer, manche Ihrer Ideen für das "Wohnen im Jahr 2100" wirken ziemlich spekulativ, einiges aber gilt ja schon jetzt als gesicherte Erkenntnis – etwa, dass der Mensch nach dem Ende der Erwerbstätigkeit mehr Platz zum Leben braucht, weil der Wohnbereich zum zentralen Lebensort wird. Wie werden denn alte Menschen im Jahr 2100 leben?

Horst Mayer: Also, zunächst wird natürlich die Grenze dessen, was wir als "alt" ansehen, anders definiert werden. Ich könnte mir vorstellen, dass sich diese Begriffe – jung, produktiv, mittelalterlich, alt – auflösen. Das "lebenslange Lernen" wird sich natürlich auch in die Phase des Alterns hineinziehen. Das ist hier in Schweden ja schon Wirklichkeit, ich kann hier mit 80 anfangen zu studieren.

Dass die Altersheime in ihrer gegenwärtigen Form eine große Zukunft haben werden, glaube ich nicht. Man wird in Zukunft in die Wohneinheiten sicherlich Dienstleistungen integrieren und damit neue Jobs schaffen.

derStandard.at: Ihrer Meinung nach können die Menschen im Jahr 2100 locker 180 Jahre alt werden…

Mayer: …naja, das war mehr ein Witz… (lacht). 130, 140 Jahre sind sicher vorstellbar… Aber sagen wir es mal so: Ich glaube schon, dass in hundert Jahren die Grenze von 180 Jahren von Niemandem mehr belächelt werden wird.

derStandard.at: Wie wird das Zusammenleben der Generationen aussehen?

Mayer: Es wird mit Sicherheit einen großen Knicks geben. Die Selektion in "männlich, leistungsstark, 20-25 Jahre alt" – das wird Vergangenheit sein. Ich habe die Vision von "global knowledge" – "knowledge" heißt für mich immer auch "social knowledge" – das heißt, die Menschen werden gar nicht mehr in der Lage sein, vernünftig leben zu können, wenn sie nur unter Gleichaltrigen und gleich Leistungsfähigen sind.

Die Japaner haben das ja schon vorgemacht: Vor acht oder zehn Jahren hat Toyota die erste Fabrik in eine Altensiedlung gebaut, weil sie gesagt haben, wir können auf die Leute nicht verzichten. In dem Moment, in dem wir nicht mehr auf die Verrichtungsorientierung aus sind – das heißt, dass irgendwelche Leute mit irgendwelchen Muskeln sinnvolle Dinge tun –, in dem Moment, wo die ganzheitliche Position reinkommt, können wir auf die Alten nicht mehr verzichten. Die Homogenisierung, die man natürlich in der marktwirtschaftlichen Manipulatorik braucht – man muss da für die Werbung ja immer Zielgruppen definieren – ich glaube, das wird sich auflösen.

derStandard.at: Glauben Sie, dass auch in Europa richtige "Senioren-Städte" – wie es sie in den USA etwa mit der "Sun City" in Arizona bereits gibt – entstehen werden?

Mayer: Also, diese Sun City habe ich mir schon während der Gründung vor -zig Jahren angeschaut, und ich habe das schon damals nicht verstanden. Natürlich war ich auch irgendwie ein bisschen fasziniert von diesen halb enthirnten Golfspielern, aber ich glaube da nicht dran. Ich glaube im Gegenteil, dass dieses Sortierprinzip wieder aufhören wird. Der Mix von Alt und Jung wird in aller Interesse einfach kommen.

Es gibt ja auch schon die Idee, dass man Alten-WGs und Kindergärten kombiniert, und das funktioniert hervorragend! Also man muss ja nicht gerade die ganz Alten und die ganz Jungen zusammensperren. Aber die strenge Trennung, das wird's nicht mehr geben.

derStandard.at: Sie sagen der Stadt als Lebensraum eine neue Blütezeit voraus; entpersönlichte Städte werden umgestaltet, Siedlungskerne werden zu "handwerklichen Kreativlandschaften" – irgendwie klingt das wie eine Rückkehr zur Zeit vor mehreren hundert Jahren...

Mayer: Wir werden in diesem Jahrhundert eine neue Form der Landflucht bekommen, und die Städte werden wieder zu Lebensräumen werden. Und da gehört meiner Meinung nach die Straße ganz wesentlich dazu. Die haben wir sträflich vernachlässigt. Die städtische Straße als Lebensraum wird wieder kommen, weil das eine Notwendigkeit ist. Und nicht alles Gestrige war ja schlecht, im Gegenteil: meines Erachtens ist der Traum vom Fortschritt im Sinne eines kontinuierlichen zivilisatorischen Verbesserungsprozesses mindestens genauso fragwürdig. Und nehmen Sie die Aussagen des amerikanischen Soziologen Richard Sennett, der als Ausweg aus den Verstrickungen der wirtschaftlichen und sozialen Gegenwart drei Dinge fordert: die Wiederentdeckung des lebensgeschichtlichen Zusammenhangs, die Nützlichkeit dessen, was wir tun, und eine handwerkliche Einstellung dazu, das heißt, aufzuhören, nur noch zu wissen, wie man etwas tun könnte und wo man etwas findet, sondern die Dinge – mit allen Risiken - zu tun, und zwar bis zum Ende. Nein, keine nostalgischen Gestrigkeiten, sondern eine neue Ganzheitlichkeit.

derStandard.at: Etwas spekulativ klingt auch Ihre Prophezeiung, dass der Wohnbereich des Partners/der Partnerin "virtuell" betreten werden wird können. Telefoniert wird durch bloßen Zuruf, durch "Geolocating" kann jede Person an jeder Stelle der Erde aufgespürt werden. Ist das nicht genau die Horror-Vision, vor der den Mahnern vor dem Überwachungsstaat schon jetzt graut?

Mayer: Ja klar. Aber ich glaube, dass wir da einfach überrannt werden von den technischen Entwicklungen. Denn wenn wir uns mal vorstellen, dass die technische Intelligenz kein Geld mehr kostet, und wenn die Nanotechnologie auf breitester Ebene kommt – und sie wird kommen, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche –, dann gibt es einfach nicht mehr diese Denkbeschränkungen. Dann muss ich nicht mehr überlegen: Wo habe ich jetzt die Nummer abgespeichert, mit der ich herausfinden kann, wo der Fritz sich gerade aufhält. Das ist einfach nur eine Frage der Informationsmenge. Und wenn die Verarbeitung keine Rolle mehr spielt, dann spielen Informationsmengen auch keine Rolle mehr, dann wird das selbstverständlich.

derStandard.at: Stehen Sie da eher positiv oder eher negativ dazu?

Mayer: Also prinzipiell - sonst wäre ich nicht in Schweden - stehe ich da eher negativ dazu. Aber man muss einfach Realist sein. Und in dem Moment, wo man die Dinge ausbremst, wo man sagt: Das will ich zu verhindern suchen, fördert man sie auf der anderen Seite. Also ich meine: Einen fahrenden Zug ohne Lokführer kann man nicht aufhalten, wenn man sich in den Weg stellt. Man muss einfach aufspringen – ob man will oder nicht. Und so ist es da auch: Ich habe Angst vor dieser ganzen Überwachungsgeschichte, ganz klar. Aber es ist ja bereits Wirklichkeit. Und es ist sogar noch viel schlimmer, weil im Moment haben ja Figuren wie Dick Cheney diese Techniken bereits in der Hand, und das ohne öffentliche Kontrolle – nicht gerade leuchtende Vorbilder.

Ich habe das in meinem Essay zwar ausgeklammert, weil ich mir da nichts drunter vorstellen kann, aber: Werden die Amis jetzt zur Weltpolizei, oder werden sie nicht? Wie klinken sich die anderen ein, welche Rolle wird China einnehmen – das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.

derStandard.at: Zum Schluss noch ein ganz anderes Thema: Sie sagen einerseits das – zumindest partielle – "Ende der Küche" voraus, andererseits könnte Kochen etwa mit den von ihnen postuilierten "smart spoons" – Kochlöffel, die Rezepte speichern können – ja um vieles einfacher werden…

Mayer: Es wird da zumindest verschiedene Entwicklungsrichtungen geben, und eine davon wird die sein, dass man auf Küchen verzichtet. Ich war unlängst zum Beispiel mit ein paar Freunden in Kanada zusammen, und da sagte die Dame des Hauses: Ach, irgendwie ist es schade, dass sich keiner mehr fürs Kochen interessiert und keiner mehr kochen kann. Ich hab natürlich eingewendet und gesagt, ich bin ein begeisterter Koch. Aber es war auch ein Bekannter darunter, der gerade eben erst in Deutschland ein Haus gebaut hat ohne Küche.

Ein Sohn von mir studiert Architektur, und der meint auch, dass es gar nicht wenige Leute gibt, die sagen: Ich hab' unten im Haus einen Laden, wo ich 'ne Wurst kriege, und das reicht mir. Ich brauch' keine Küche.

Im 3. Teil: Ausblick auf das Jahr 2100 ->

Einige Thesen von Horst Mayer für das Jahr 2100:

  • Die Bevölkerung Mitteleuropas ist um 20 % geschrumpft.

  • Zunächst nahm im abgelaufenen Jahrhundert die Zahl der Ein- und Zweipersonenhaushalte zu, um dann dem "soziodynamischen Haushalt" Platz zu machen. Die zurückgehende Mobilität hat danach – zusammen mit dem Open-Air-Wohntheater – dazu geführt, dass es wieder mehr Mehrpersonen-"Haushalte" gibt. Andererseits koppeln nach wie vor viele living-aparttogether-Anhänger ihre Wohnungen zeitweise über Bildwände: In den eigenen Wohnraum ist dreidimensional der Wohnraum des jeweiligen Partners integriert. Die Technik ist so weit fortgeschritten, dass Personen aus ihren Räumen virtuell den Bereich des Partners betreten können.

  • Der Bau von Häusern wurde als biographisches Element und Teil des Lebens entdeckt, das Haus hat seine Bedeutung als Ware verloren. Überhaupt ist festzustellen, dass vieles, was früher externalisiert worden war, heute einen festen Platz im lebensgeschichtlichen Zusammenhang hat.

  • Die Kommunen stellen ihren Bürgern alle gewünschte, individuell nicht kostengünstig zu beschaffende Technik (Werkstätten) zur Verfügung, sofern diese für eine kreative Lebensqualität sinnvoll und konsensfähig ist. Viele Siedlungskerne sind geradezu handwerkliche Kreativlandschaften geworden.

  • Mobilität: Individualfahrzeuge werden ebenfalls mit hybriden Technologien energetisiert: Ein Neutronium-Silo, an Elektronentankstellen vollgepumpt, stellt die Grundversorgung, zusammen mit weiterentwickelten Brennstoffzellen, die mit biologischen Energieträgern (bis hin zu toten Maikäfern) arbeiten. Größere Strecken werden auf Magnetschienen der Highways mit Hilfe von Linearmotoren bewältigt. Die Wärmeabgabe eines solchen Fahrzeugs ist fast Null. Unfälle und Fahrfehler gibt es auch kaum mehr, da die Steuerungstechnik mittlerweile das Umfeld richtig analysiert und entsprechende Akte durchführt.

  • Der Meeresspiegel ist um 67 cm gestiegen, einige Teile Hollands wurden evakuiert. London ließ sich in seiner alten Form nur mit größtem technischem Aufwand erhalten. Viele Inselgruppen mussten aufgegeben werden (z.B. im Archipel der Andamanen und Nicobaren). Der Golfstrom hat sich ab 2072 verlangsamt und kam 2081 zum Stillstand. Die Temperaturen in Mitteleuropa sind bisher fast gleich geblieben, die Niederschläge haben leicht zugenommen, Anzahl und Stärke der Orkane sehr deutlich. In Skandinavien sanken die durchschnittlichen Jahrestemperaturen um etwa 10°C, große Waldareale sind schon abgestorben. Die Regenerierungspolitik der vergangenen Jahre kam auf vielen Ebenen zu spät, der vor allem zu Beginn des 21. Jahrhunderts ausufernde, größte Zerstörungsprozess der Erdgeschichte seit dem Aussterben der Dinosaurier war zu gründlich und die menschlichen Schwächen – Überheblichkeit, mechanistisches und positivistisches Denken, Machthunger, Sadismus und Dummheit – waren an führenden Positionen installiert.

  • Seit etwa 20 Jahren funktionieren die (daumennagelgroßen) Quantencomputer, so dass weltweit Rechenleistung keinerlei Rolle mehr spielt.

  • Auf wissenschaftlich-technischem Gebiet haben sich die Gefüge der stimulierenden Veränderungskräfte gewandelt: eine humanökologisch verstandene Nachfrageorientierung hat die Angebotsorientierung des technischen Machbarkeitswahns abgelöst. Eine Mittelposition in diesem Spiel nimmt die Bemühung um ständige Steigerung von Effizienz und Effektivität ein, die in der Bauwirtschaft die Passivhaustechnologie weiter voran getrieben hat, vor allem aber auch auf dem Gebiet der technischen Ausstattung von Häusern wesentliche Impulse aus der Nanotechnologie, besonders der Informatik, erhielt.

  • Das [...] fast zum Schwellenland gewordene Saudi-Arabien bekam von der UNESCO den Auftrag, ein FBM (Fossile-Brennstoffe-Museum) einzurichten. Einige Exponate sind schon vorhanden: Bushs letztes handgepumptes Barrel, ein einbalsamierter, an Teerklumpen verendeter Fregattvogel von Alaskas Küste nach dem Unglück der Exxon-Valdez, dessen ausgestopfter Kapitän, "die letzte sibirische Gasblase", etc..
  • Zur Person

    Horst Mayer, geb. 1936, studierte Medizin, Theater- wissenschaften, Malerei und Psychologie. Er war Gründer der Forschungsgruppe Stress der Uni-Klinik Heidelberg und leitete diese 36 Jahre lang. Heute ist er Berater der Weltgesundheits- organisation (WHO) in Sachen "Healthy Work Approach" und (ehrenamtlicher) Programmdirektor des "Healthy Companies Network" (HeCoNet). Mayer ist deutscher Staatsbürger, lebt jedoch seit der Pensionierung in seiner Wahlheimat Schweden.

    Die Fragen stellte Martin Putschögl.

    Mehr zum Thema

    Kongress "Häuser der Zukunft"
    • Artikelbild
      foto: privat
    Share if you care.