Der Kurs

28. Februar 2006, 23:24
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Hinhauen, also so richtig Hinhau-Hinhauen, muss man lernen. Und es ausstrahlen – damit man es nie tun muss

Es war im September. Und das schlimmste, sagte J., sei damals das Gesicht der kleinen Frau gewesen. Nachher. Weil die sich so schämte– aber einfach nicht anders gekonnt hatte: Als das Michelin-Männchen sie angriff. Denn auch als die Trainerin – entgegen der Absprache, sich nicht einzumischen – brüllte, die kleine Frau solle endlich etwas tun - irgend etwas, egal was – hätte die kleine Frau nur den Kopf eingezogen. Und geweint.

J. hat nämlich einen Selbstverteidigungskurs besucht. Weil sie, erzählte sie uns beim Abendessen, etwas gegen „dieses Scheißgefühl“ habe tun müssen: Sie habe sich vorher nie und nirgendwo unsicher gefühlt. Aber seit sie (siehe Stadtgeschichte „Der Schrei“, Montag) erlebte, dass alle Nachbarn zu feig waren, auch nur aus dem Fenster zu brüllen, als jemand im Hof eine Frau zu vergewaltigen versuchte, sei das anders gewesen. Ganz anders.

Empfundene Lächerlichkeit

Und das, erklärte J., habe nichts mit Statistiken zu tun. Sie habe manchmal ihren Freund angerufen, wenn sie mit dem Hund am Abend eine Runde gegangen sei: Sie säße in irgendeinem Lokal – und er solle sie abholen. Am schlimmsten, so J. sei dabei das von Gefühl der Lächerlichkeit gewesen. (Ihr Freund ist immer gekommen. Und hat nie auch nur blöd geschaut.)

Darum hat J. dann den Kurs gemacht. Mit einer Freundin. Der Kurs war nur für Frauen. Und auch wenn die Freundin – eine Kampfsportlerin – (eh nur vorher) gematschgert habe, dass ein Wochenendkurs auf Dauer kaum was bringe, betont J., dass ihr das Ding geholfen habe. Gegen ihre eigene Angst. Gegen das Gefühl, von vorneherein Opfer zu sein. Beim Grenzen abstecken. Und praktisch: Schreien, richtig schreien, müsse man nämlich lernen. Hinhauen – also das richtige Hinhau-Hinhauen, dort wo es weh tut und solange es noch geht – auch. Und auch, wie man einen Schlüssel, einen Salzstreuer oder ein Handy tatsächlich als Waffe einsetzen kann.

Dampf ablassen

Der Kurs sei auch lustig gewesen. Wegen dem Hindreschen: So richtig Dampf ablassen – in den Schlagpolster, aber egal– habe sie bisher nie dürfen. Das bisserl Luftboxen bei Tae-Bo im Fitnesscenter, meint J., komme ihr fast komisch vor – vor allem, weil sie gemerkt habe, dass sogar sie (zarte Figur, dünne Ärmchen) ziemlich viel Energie in den Polster pfeffern kann. Am Anfang, erzählte J., sei ihr das Spaßhaben-am-Hinhauen peinlich gewesen. Aber damit umgehen zu lernen gehöre auch dazu.

Manches, erzählte J., sei aber gar nicht lustig gewesen: Am Anfang habe man über Motivationen und Gründe herzukommen geredet. Und J. betont, derartige „Befindlichkeitslaberei“ zu hassen: Sie sei ja hier – warum drüber reden? Bloß: Als „etwa jede vierte Frau in der ziemlich großen Gruppe zumindest andeutete, aus ganz konkretem Anlass“ hier zu sein, habe sie ihre Widerstände aufgegeben.

Michelinmannderattacke

Am Ende des Kurses habe sich der Assistent der Trainerin – der einzige Mann im Kurs, erzählte J., sei bei allem, was nicht-praktisch gewesen sei, raus gegangen – dann in den Michelinmanderl-Sparringanzug gezwängt. Und jede Frau musste, sozusagen „alleine“, den Saal durchqueren. Irgendwann würden sie angesprochen, angegriffen und bedrängt werden – und zwar (abgesehen vom Schutzanzug) „absolut lebensnah.“

Obwohl sie also gewusst hätte, dass da etwas kommen würde, erzählte J., sei sie dann zunächst wie gelähmt gewesen. Und ratlos. Weil der Angreifer ja zuerst nur laberte und nur schrittweise anlassig wurde: Die – auch räumliche - Grenze zu erkennen, meint J., sei fast schwieriger gewesen als dann tatsächlich fest, konsequent und rechtzeitig zuzuschlagen. Für sie sei das eine Befreiung gewesen: Danach sei der Schrei der Frau im Hof zum ersten Mal wirklich weg gewesen.

Videoanalyse

Den Angriff danach in der Gruppe auf Video zu sehen und zu analysieren, sei trotzdem furchtbar gewesen, erzählte J. Nicht ihretwegen. Manche Frauen hätten es nicht geschafft, sich wirklich zu wehren. Sogar als der Michelintyp schon halb auf ihnen drauf gekniet sei. Am schlimmsten, erzählte J., sei das bei der kleinen Frau gewesen: Die sei einfach stehen geblieben und habe zu weinen begonnen. Und als die Trainerin sie dann fragte, warum sie nicht einmal um Hilfe gerufen habe, sei es aus ihr heraus gebrochen: Sie habe es versucht. Ihr ganzes Leben lang. Aber sie sei nie gehört worden. Nicht, seit ihr ihre Mutter verboten hätte, sich gegen ihren eigenen Vater zu wehren.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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