Himmelsscheibe von Nebra ist eine komplexe Uhr

1. März 2006, 14:24
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3.600 Jahre altes Artefakt verknüpfte Sonnen- und Mond­kalender - Detailliertes Wissen tausend Jahre vor den Babyloniern

Halle - Die 3.600 Jahre alte Himmelsscheibe von Nebra ist nach Erkenntnissen einer dreiköpfigen Forschergruppe eine komplexe astronomische Uhr, die Sonnen- und Mondkalender miteinander verknüpft. "Das ist eine deutliche Erweiterung unseres bisherigen Wissens zur Bedeutung und Funktion der Himmelsscheibe", sagte Landesarchäologe Harald Meller am Dienstag in Halle. "Die Funktion dieser Uhr war sehr wahrscheinlich nur einer kleinen Gruppe bekannt."

Tage, Monate und Jahre für die Landwirtschaft

Die Himmelsscheibe ist die älteste konkrete Himmelsabbildung der Welt. "Die Sonne gab Tag und Jahr vor, das war für die Landwirtschaft wichtig, und der Mond wurde zur Bestimmung des neuen Monats benötigt", sagte Meller. "Der Mondkalender ist aber elf Tage kürzer als der Sonnenkalender. Die Sensation ist, dass die bronzezeitlichen Menschen das Mond- und das Sonnenjahr in Einklang gebracht haben. Das hätten wir ihnen nie zugetraut."

Komplexes Wissen tausend Jahre vor den Babyloniern

Nach Angaben des Astronoms Wolfhard Schlosser von der Ruhr- Universität Bochum haben die Erbauer der Himmelsscheibe dieselben astronomischen Beobachtungen gemacht, die tausend Jahre später die Babylonier erstmals beschrieben. "Ob deshalb das Wissen auf der Scheibe vor Ort entstand oder aus der Ferne kam, bleibt offen."

Laut Forschergruppe ging das mit Hilfe der Himmelsscheibe erworbene Wissen um den Schaltmonat im Laufe der maximal 400 Jahre währenden Nutzung der Scheibe irgendwann verloren. Das erklärt auch, warum die Scheibe mehrmals verändert wurde. Beispielsweise kam ein Schiff auf die Scheibe, und am Rand wurde sie vielfach gelocht. "Das bedeutet, dass zum Schluss die Scheibe ein Kultobjekt war", sagte Meller.

Älteste Sternenabbildung der Welt

Die 3600 Jahre alte Himmelsscheibe von Nebra gilt als älteste konkrete Sternenabbildung der Welt. Die zwei Kilogramm schwere, fast kreisrunde Bronzescheibe hat einen Durchmesser von etwa 32 Zentimetern. Sie schimmert grünlich und ist mit Goldauflagen versehen, die Archäologen als Horizontbögen, ein Schiff, Mond, Sonne oder vielleicht auch Vollmond und Sterne interpretieren.

Der Schatz wurde am 4. Juli 1999 von zwei Raubgräbern bei Nebra (Burgenlandkreis) entdeckt. Die Fundstelle liegt inmitten eines prähistorischen Observatoriums. Die kreisförmige Anlage wurde über Jahrhunderte zusammen mit der Scheibe zur Bestimmung der Sommersonnen- und Wintersonnenwende benutzt. Das Schiff auf der Scheibe deutet auf einen Sonnenkult hin, wie er bislang nur aus Ägypten bekannt war.

Am 23. Februar 2002 war die Himmelsscheibe bei einer fingierten Verkaufsaktion in Basel (Schweiz) sichergestellt worden. Zwei Hehler wollten sie illegal veräußern. (APA/dpa)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Himmelsscheibe von Nebra: Das Schiff und einige Löcher am Rand wurden erst später hinzugefügt.

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