Auslagerung von Arbeitsplätzen in EU kein "Massenphänomen"

29. März 2006, 14:57
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Als "echte Gefahr für die Zukunft Europas" sieht EU-Experte Heinz Zourek hingegen die Abwanderung von Tätigkeiten im Bereich Forschung und Entwicklung

Wien - Der Generaldirektor der Generaldirektion Unternehmen und Industrie der Europäischen Kommission, Heinz Zourek, sieht in der Auslagerung von Arbeitsplätzen aus Europa kein "Massenphänomen". Der Abbau von Arbeitsplätzen im produzierenden Gewerbe in den alten EU-Ländern habe sich in den vergangenen Jahren nicht beschleunigt. Das Problem der EU sei allerdings die fehlende Alternative neuer Jobs für die ausgeschiedenen Arbeitskräfte, sagte Zourek Montag abend bei einem Vortrag in der EU-Kommissionsvertretung in Wien.

Laut dem "European Restructuring Monitor", der die Umstrukturierungsmaßnahmen europäischer Firmen seit dem Jahr 2002 verfolgt, beläuft sich die Ver- und Auslagerung von Arbeitsplätzen nur auf 7,2 Prozent aller geplanten Arbeitsplatzreduzierungen, die interne Arbeitsplatzreduzierung hingegen auf 76,8 Prozent. Die Standortverlagerungen haben sich weitgehend auf arbeitsintensive Niedrigtechnologiebereiche beschränkt.

Abwanderung von Forschung und Entwicklung

Als "echte Gefahr für die Zukunft Europas" sieht Zourek hingegen die Abwanderung von Tätigkeiten im Bereich Forschung und Entwicklung. In forschungsintensiven Hochtechnologiesektoren wie der Arzneimittelindustrie oder der Biotechnologie führten Unternehmen ihre Forschungstätigkeiten in zunehmendem Maße außerhalb Europas durch. Eines der sektoralen Probleme in der europäischen Industrie sei das Angebot von wissenschaftlich ausgebildeten Arbeitnehmern: In China würden in einem Jahr so viele Naturwissenschafter ausgebildet wie in Deutschland und Frankreich zusammen in zehn Jahren.

Zur Initiative Deutschlands, das sich an die österreichische EU-Ratspräsidentschaft gewandt hatte um zu prüfen, ob bei Standortverlagerungen EU-Subventionsmittel eingesetzt werden, meinte Zourek, es gebe "keine Beweise, dass Regionalfondsmittel zu Verlagerungen von Arbeitsplätzen locken". Beim Erhalt von Strukturfondsmittel gebe es außerdem eine Behaltepflicht. Im Fall der geplanten AEG-Werksschließung in Nürnberg, wo der Mutterkonzern Electrolux die Produktion vermutlich nach Polen verlagern will und die Beschäftigten in den Streik getreten sind, ortet Zourek "Gesprächsverweigerung der Geschäftsführung".

Idee von neoliberaler Verschwörung

"Die nationale Politik bedient sich bei Problemen gerne der Brüsseler Ebene, alles was schlecht ist, kommt von Brüssel", meint der hochrangige EU-Funktionär. "Die Idee der neoliberalen Verschwörung in Brüssel lässt auf den Zustand der nationalen Presse schließen". Die Liberalisierungen müssten jedoch nicht notwendigerweise mit Privatisierungen verbunden sein. Die Eigendefinition des lange in der Arbeiterkammer und im ÖGB tätig gewesenen Zourek: "Ich bin Freihändler". (APA)

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    Heinz Zourek ist Generaldirektor der Generaldirektion Unternehmen und Industrie der Europäischen Kommission.

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