"Freie Software löst das Problem illegaler Raubkopien"

4. Mai 2006, 10:39
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Meint Joachim Jakobs von der Free Software Foundation im Interview

Vergangene Woche hat der deutsche Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (BITKOM) eine Studie zur Hightech-Landschaft in Deutschland vorgelegt und darin kritisiert, dass die Ausstattung der Schulen in Deutschland mit neuen Medien dramatisch schlecht sei. Durchschnittlich 13 Schüler müssten sich demnach einen PC teilen. "Dieses Problem muss die Regierung gemeinsam mit den Bundesländern und zuständigen Schulträgern schnellstmöglich lösen", forderte Bitkom-Geschäftsführer Bernhard Rohleder. Nun schaltete sich die Free Software Foundation Europe in die Schulcomputer-Diskussion ein. FSFE-Sprecher Joachim Jakobs fordert vor allem ein Umdenken in der Schulpolitik in Richtung Freie Software. Im Gespräch mit pressetext erklärt er, wie man mit Freier Software zudem das Problem mit illegalen Raubkopien in den Griff bekommen könnte.

Was stört sie an der Studie der Bitkom?

Jakobs: Ich hätte mir vom Bitkom gewünscht, dass er die Vermittlung von Grundlagenkenntnissen in den Vordergrund stellt. Diese Grundlagenkenntnisse sind wichtiger für die selbstgesteuerte Handlungskompetenz des Schülers als detaillierte Funktionskenntnis. Zur Vermittlung dieser Grundlagen brauchen wir ein methodisch und didaktisch fundiertes Konzept. Was ich jedoch tatsächlich gesehen habe, könnte leider sehr schnell den Eindruck erwecken, der Bitkom ist nur daran interessiert, den Verkauf seiner Mitglieder anzukurbeln. Nach dem Motto: Je mehr Computer in der Schule stehen desto besser. Es kann nicht angehen, dass die Schüler darauf trainiert werden, proprietäre Software zu bedienen, die sich dann der Kompatibilität zu Willen virusartig zu Hause und im Freundeskreis verbreitet. Hier sind wir auch am Kernproblem der proprietären Software angelangt. Proprietäre Software funktioniert immer nur mit sich selber gut beziehungsweise mit Programmen, die vom Entwickler für gut befunden wurden. Diese softwaretechnische Intoleranz kann unmöglich von Staatswegen gefördert werden.

Wozu kann Freie Software in den Schulen beitragen?

Jakobs: Freie Software ist eine gute Antwort auf das Problem illegaler Softwarekopien. Wieso sollte man sich proprietäre Software zulegen, oft auch noch illegal, wenn man auch freie Software haben kann. Wir fordern auch die Bildungspolitik auf, sich mit freier Software in Schulen auseinanderzusetzen, denn sie bringt erhebliche Vorteile mit sich.

Welche Vorteile meinen sie?

Jakobs: Freie Software darf beliebig angewandt, studiert, verbessert und eingesetzt werden. Der Vorteil für die Schüler ist, dass sie ausprobieren, vergleichen, testen und experimentieren dürfen. Und das in einem Alter, das besser zum Lernen geeignet ist, als jedes andere. Kein Wunder, dass viele Freie Software Entwickler bereits im jugendlichen Alter zu bemerkenswerten Leistungen fähig sind. Linus Torvalds beispielsweise hat die Entwicklung des Linux-Kernels mit 22 Jahren begonnen.

Wie sollen mit Freier Software Raubkopien bekämpft werden?

Jakobs: Indem Sie die Kollision mit dem Urheberrecht einfach vermeidet. In der Schule lernen die Kinder heute mit proprietärer Software zu arbeiten. Wenn sie sich nun diese Programme auch für zuhause zulegen wollen, so geschieht dies oft nicht ganz legal. Bill Gates sagte einmal, dass er mit Raubkopien in Asien leicht leben kann, solange Microsoft-Produkte kopiert werden, denn eines Tages werde man mit diesen Leuten Geld verdienen können. Dieses Zitat sagt alles. Proprietäre Software verbreitet sich wie ein Virus. Die Deutsche Bundesregierung hat Straffreiheit für das Filesharing von proprietärer Software auch in geringem Umfang abgelehnt. Wir hätten uns gewünscht, dass dieses harte Vorgehen von einer konstruktiven Komponente begleitet wird. Eltern und Schüler müssen über aktuelles und künftiges Urheberrecht aufgeklärt werden. Sie müssen außerdem über Alternativangebote von Freier Software informiert werden. Wir sind gerne bereit, die Bundesregierung in ihrem Bemühen um Rechtssicherheit in Deutschen Klassen- und Kinderzimmern zu unterstützen.

Es gibt auch innerhalb der Open-Source-Gemeinschaft unterschiedliche Anbieter. Kommt es hier nicht zu harter Konkurrenz?

Jakobs: Natürlich gibt es harten Wettbewerb zwischen Projekten, zwischen Unternehmen, und auch zwischen verschiedenen technischen Lösungsansätzen. Die Grundprinzipien Freier Software verhindern aber, dass sich einer der Konkurrenten mit unfairen Mitteln Vorteile schafft. Es existieren einige Wege, sich für geringe Beträge mit Freier Software auszustatten. Einige Projekte verschicken CDs, andere bieten den Download aus dem Internet an, Dritte machen auf Messen besondere Angebote. Und dank der großen Community sind auch Hilfestellung und Support leicht zu bekommen. Die lokalen Linux Usergroups stehen gerne mit Rat und Tat zur Seite.

Jedoch gibt es auch hier unterschiedliche Auffassung über die Lizenzbedingungen.

Jakobs: Während manche Entwickler in den Lizenzbedingungen vorschreiben, dass ihre Arbeit nur in ebenfalls Freier Software weiterverwendet werden darf, legen andere Entwickler keinen Wert auf diesen Schutz. Die weltweit am meisten angewendete Lizenz für Freie Software. Die GNU (General Public License) enthält eine solche Schutzklausel. Aber gerade die Vielfalt macht Freie Software so wertvoll. Die Schüler können vergleichen, verschiedene Elemente miteinander kombinieren und Neues schaffen. Das alles ist mit proprietärer Software nicht möglich.

Es muss doch aber auch für Freie Software bezahlt werden. Führt das denn nicht ebenfalls zu illegalen Kopien?

Jakobs: Erstens darf Freie Software kopiert werden. Das ist das Recht der Anwender. Dadurch gibt es fast keine illegalen Kopien Freier Software. Dieses Recht ist wichtig, damit sich Kind und Eltern auf rechtlich einwandfreiem Boden bewegen und gleichzeitig computerimplementiertes Wissen, also Software, weitergeben dürfen. Zweitens berechnen die Autoren Freier Software in der Praxis ihren Kunden selten die Entwicklung der Anwendung, sondern schreiben Rechnungen für die Zusammenstellung, den Versand, die Anpassung und die Kundenbetreuung. Aber auch wenn der Entwickler seinen Kunden für das Schreiben der Software zur Kasse bittet, um damit auch die Qualität der Anwendung garantieren zu können ist das aus unserer Sicht unproblematisch.(pte)

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    FSFE-Sprecher Joachim Jakobs.

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