Kopf: Spitzensportler, der im Job Erster werden wollte

30. März 2006, 13:53
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Der studierte Wirtschaftswissenschafter, der seit 2001 im AUA-Aufsichtsrat sitzt, hat seine gesamte bisherige Berufslaufbahn bei Siemens verbracht

Es war wohl ein historischer Flug, als Siemens-Vorstand Alfred Ötsch (52) am Dienstag mit der AUA - noch unerkannt von der Crew - nach München flog. Erst am Abend wurde publik, dass Ötsch der designierte neue AUA-Chef ist.

Der studierte Wirtschaftswissenschafter, der seit 2001 im AUA-Aufsichtsrat sitzt, hat seine gesamte bisherige Berufslaufbahn bei Siemens verbracht. Vor mehr als vier Jahren wechselte Ötsch, damals Finanz-Vorstand in Österreich, zu Siemens Deutschland, wo er der erste Bereichsvorstand (für die sehr erfolgreiche Sparte Automation and Drives) wurde, der nicht aus Deutschland kam. Hinter dem Wechsel stand wohl die Überlegung, zunächst - wie bei Konzernkarrieren üblich - im Stammhaus zu arbeiten und anschließend als Nummer eins nach Österreich zurückzukehren.

Doch es kam anders als erhofft: Nicht Ötsch wurde Nachfolger von Albert Hochleitner, der im Herbst 2005 als Siemens-Österreich-Chef in Pension ging und Aufsichtsratsvorsitzender wurde, sondern Brigitte Ederer.

Kenner des Konzerns meinen, Hochleitner habe bewusst Ederer forciert, weil er mit dem charismatischen Topmanager Ötsch an der Spitze keine so dominante Stellung mehr im Unternehmen gehabt hätte. Ederer hingegen, obzwar eine ausgezeichnete Managerin, ist bei Siemens nicht so verankert wie Ötsch, würde Hochleitner noch länger brauchen. Worum es Hochleitner vermutlich ging, war die konstante Anerkennung und das Ansehen, intern wie extern, das Prestige, der Zugang zu den elitären Ball-Logen und Festspielevents, die häufig von Siemens gesponsert werden. Diese Möglichkeit, nach wie vor Hof zu halten, sah Hochleitner bei Ötsch an der Spitze vermutlich gefährdet.

Trotzdem kam Ötsch zurück nach Wien und zog im Dezember 2005 - im besten Einvernehmen mit Ederer - in den Siemens-Österreich-Vorstand ein. Allerdings mit dem angenehmen Backgroundwissen, dass die AUA-Eigentümer, die Republik und die Banken, ihn als neuen AUA-Chef haben möchten und er seit Monaten von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel abwärts hofiert wurde, endlich Ja zu sagen. Dass er schließlich einwilligte, hängt wohl mit der damit verbundenen neuen Herausforderung zusammen, die sich dem Vater zweier erwachsener Töchter und Gatten einer AHS-Lehrerin, bot. Und genau das sucht der Spitzensportler (Marathonläufer, Tennisspieler, Tourengeher, Skifahrer) zu jeder Zeit.

Es macht eben einen Unterschied, ob man einfaches Vorstandsmitglied ist oder dem Vorstand vorsteht. "Da liegen Lichtjahre in der Gestaltung dazwischen, das ist wie Erde und Mars", sagt einer, der vor derselben Entscheidung stand. Wie jener schaffte es jetzt auch Ötsch an die Spitze. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.2.2006)

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