Menschenfressertöchter können auch befreiend wirken

20. Februar 2006, 21:14
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Hans Werner Henzes Musik-Märchen "Pollicino, der Däumling" im Grazer Next Liberty

Zu Gast im Jugendtheater Next Liberty präsentiert die Singschul' der Grazer Oper unter ihrem Leiter Johannes Mertl Hans Werner Henzes Pollicino. 1980 für die Musikschule von Montepulciano als idealer (!) Einstieg in die Welt der Oper geschrieben, erzählt das "Märchen für Musik" die Geschichte vom klugen und kecken Däumling für Kinder und Erwachsene. Kinder und Erwachsene singen und spielen auch die sich sanft auffächernde Partitur mit allerhand musikalischen Zitaten, Walzer- und Tangoklängen und flotten Songs. Henze selbst hat das Libretto ins Deutsche übertragen und den grausameren Märchenvorlagen von Perrault, Collodi und Grimm einen utopischen Schluss verliehen. "Pollicino" handelt von größter Not und Verzweiflung, von abscheulichsten Verbrechen und der Erlösung daraus durch die - moderne - Hoffnung auf Mut und Solidarität.

Ein Holzfäller und seine Frau sind so arm, dass sie ihre Kinder im Wald aussetzen. Bald landen die sieben Buben im Haus des Menschenfressers, aus dem sie sich aber mithilfe der sieben Menschenfressertöchter befreien können. Nun hätte man sich entscheiden müssen zwischen der symbolischen und der nur allzu aktuellen, realistischen Lesart, aber Regisseurin Stefanie Bertram wagt nur halbherzige Schritte und begibt sich auf einen Weg von Widersprüchen. Zwischen Großstadtverkehr und Wald, Märchentieren und Golfplatz schlagen sich wacker die Mädchen und Buben der Singschul', begleitet von den Sängerinnen und Sängern der Grazer Oper. Einen nachvollziehbaren Zusammenhang zu vermitteln, kann ihnen leider allen nicht gelingen. (frak/ DER STANDARD, Printausgabe, 21.2.2006)

Next Liberty, Graz, (0316) 80 00. Wieder am 1. 3.
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    foto: next liberty
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