Organisierte Seelengesänge

20. Februar 2006, 19:24
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Christof Loy inszeniert Mozarts "Clemenza di Tito" in Frankfurt

Frankfurt - Eine faszinierende Entführung hat er in Frankfurt schon hingelegt, Regisseur Christof Loy, und nun also Clemenza di Tito: In all ihren Seelenverflechtungen wurde die Oper ausgespielt - dazu setzt die Musik ebenfalls kräftige Signale. Im hochgefahrenen Orchestergraben wird der elegische Schönklang herb eingefärbt; zuweilen spröde Holzbläser, donnerndes Blech und fast durchgängiges Non-Vibrato-Spiel prägen einen vom stablos dirigierenden Paolo Carignani organisierten Sound.

Die Räume von Herbert Murauer (auch Kostüme) haben bis auf das erste Bild nichts Klassizistisches. Ein hohes Schlafgemach ist der Ort, an dem Vittelia im schwarzen Geschäftskostüm den in sie verliebten Sextus zur Durchführung des Attentats auf Titus drängt. Ganz im Gegensatz zu seiner Devotheit versucht Sextus Vittelia ein schwarzes Tuch um die Augen zu binden; diese Geste wiederholt sich nach dem Anschlag mit vertauschten Rollen.

Das Attentat

Gegen Ende dieses Akts kommt bei Loy die Drehbühne ins Spiel, um nach dem klassizistischen Vordersegment den hinteren Teil des Palastes als profane Abstellkammer mit Gerümpel vorzuführen. Hier hat Sextus sich nach dem Attentat mit schärfsten Gewissensbissen zurückgezogen. Der enorme Zwischenraum, der die Rückseiten der beiden Vorderräume sichtbar belässt, bildet die Kulisse für Titus' Untersuchung.

In dem langen Zwiegespräch mit Sextus wirft er Tisch und Gedeck um, trinkt hastig aus einer Wasserkaraffe und ritzt sich mit einer Porzellanscherbe den Arm blutig, weil Freund Sextus ihn durch sein stoisches Verhalten reizt. Auch der Chor in klassisch grauen, abgewetzten Togen hat hier einen minuziös tarierten Auftritt, indem alle auf der Spielfläche verteilt in gewissen Abständen deutlich ihrer Seelenlage Ausdruck verleihen.

Intensives Spiel

Der Publio (im silbergrauen Anzug Simon Bailey mit kräftigem, schönem Bariton) ist als Präfekt ein agiler Vermittler zwischen den Parteien. Toll auch Sängerdarsteller Kurt Streit in der Titelrolle: Seine mit Koloraturen gespickten Gesänge und das psychodramatische Spiel des zweiten Teils meistert er beachtlich. Sein Tenor ist hell und pointiert; dass gegen Ende die Koloraturen leicht rau verschliffen klingen, nimmt man in Kauf.

Jenny Carlstedt (als Annio) überzeugt als aparte, schön singende Figur. Sehr intensiv im Bekenntnis ihrer Liebe wirkt Servilia (Britta Stallmeister mit berührendem und brillantem Sopran). Von der Regie vielleicht am schillerndsten eingesetzt der Sextus von Alice Coote: Etwas unförmig im schwarzen Anzug wirkend, singt sie einen eher brustigen Mezzo und nicht so belcantomäßig wie nötig - sie müsste sich aber noch steigern können.

Silvana Dussmann wirkt auch im Gesang phasenweise etwas vulgär, sie konzentriert sich aber auf ihre einzige große Arie. Nach den Eskapaden Titos sehen wir sie wieder auf das Segment des Abstellraums gedreht, wo sie sich gekonnt in Rage singt.

Darauf geht sie nicht durch die große, zweiflügelige Schiebetür, sondern durch eine kleine Tür, die von Publio gleich wieder geschlossen wird, in den großen Mittelraum, wo ihr von den anderen der Schleier gereicht wird. Zwei Tote - als Erinnerung an den brutalen Anschlag - liegen über den Sesseln. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.2.2006)

Von Friedhelm Rosenkranz aus Frankfurt

Vorstellungen: 24., 26. 2.,
7., 13., 19. 5.

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Oper Frankfurt
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    foto: oper frankfurt
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