Flotte Grabschänderposse und andere Gänsehautgenres

20. Februar 2006, 21:21
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Blutrünstiger Theaterspaß, ganz ohne Kritikerbedrohungen: "6 and Crime" am Linzer Phönix-Theater

Nichts scheint im Unterhaltungsgewerbe momentan erotischer zu sein als bajuwarische Bullen und Todesarten am Canale Grande. Sonderbar, dass bisher nur das Linzer Theater Phönix auf die Idee eines "Mörderischen Dramensamplers" gekommen ist und seinem blutlüsternen Publikum eine sechsteilige Lektion in Sachen Killerkitzel anbietet. Bei der Uraufführung der kriminalistisch unterschiedlich gehaltvollen Perlenreihe 6 and Crime hat sich herausgestellt, dass Autoren und Autorinnen das Ringen um psychologische Bluttaten-Hintergründe gelegentlich zum puren Slapstick zerrinnt. Das Zerfließen des Realitätssinnes handelt zum Beispiel Antonio Fian in seinem Dramolett "Zeugen" ab. Nicht zufällig bildet dieser perspektivenreiche Einakter um einen Leichenfund das ernstzunehmende Finale manchmal allzu dünnsuppiger Bemühungen. Bei Georg Staudachers Horror-Weihnachtsfest samt grauenhafter Familienaufstellung spritzt reichlich symbolisiertes Blut. Auch Adelheid Dahimènes flotte Grabschänderposse erinnert an Wilhelm Buschs Grotesken. Margret Kreidl holt mit ihren Gangsterkarikaturen naturgemäß die meisten Lacher. Matthias Wittekindt sucht sich den möglichen koitalen Leidenschaftsmord einer reiferen Dame an einem Profiaufreißer aus. Alexander Pöll entfernt sich mit seinem stacheldrahtsprachlichem Punk-Psychogramm am weitesten vom Bild des liebenswürdigen Gänsehaut-Genres. Genau mit diesem prickelnden Flair kokettiert Regisseur Staudacher bei seiner Blutspur-Szenentour durch das Theatergebäude: Margot Binder, Helmut Fröhlich, Ingrid Höller, Patrik Huber und Eckart Schönbeck beim spannenden Rollenwechsel. Aufregendstes Ausstattungsdetail ist ein entzündet rotes Kontaktlinsenpaar. (gugg)(DER STANDARD, Printausgabe, 21.2.2006)
Phönix Theater, Wiener Straße 25, (0732) 66 65 00. Wieder am 10. 3.
  • Artikelbild
    foto: phönix/herzenberger
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