"Ich bin Ausländer im eigenen Land"

20. Februar 2006, 19:02
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John Irving bewies am Sonntag im Burgtheater seine Qualitäten als Unterhalter

Im Gespräch mit Michael Kerbler (Ö1) und Claus Philipp (DER STANDARD) präsentierte er sein neues Buch "Bis ich dich finde".


Wien - Es mutete beinahe wie ein Heimspiel an, als John Irving am Sonntagabend im ausverkauften Burgtheater zu tosendem Applaus die Bühne betrat. Im Rahmen einer Sonderausgabe der vom STANDARD, Ö1 und dem Radiokulturhaus organisierten Reihe Zeitgenossen im Gespräch beendete er US-Autor mit der Präsentation seines jüngsten Romans Bis ich dich finde eine regelrechte Irving-Woche in Wien, die mit dem Verteilen seines hier spielenden Erstlings Lasst die Bären los im Rahmen der Gratisbuchaktion begonnen hatte.

In der an seine Lesung, bei der Burgschauspieler Peter Matic einen Part aus der deutschen Übersetzung brachte, anschließenden Diskussion mit Michael Kerbler und Claus Philipp musste sich Irving dann auch prompt die Frage gefallen lassen, ob er nicht lieber ein europäischer als ein amerikanischer Autor wäre. Er zog sich geschickt aus der Affäre: In Europa gäbe es zweifellos mehr Verständnis für Kultur als in den USA, meinte Irving, dafür habe er hier in Interviews ständig Fragen über "den aktuellen Idioten im Weißen Haus" zu erdulden.

So manchen Gesprächspartner müsse er erst auf den eigentlichen Grund der Befragung hinweisen: "Entschuldigung, ich habe einen Roman geschrieben." Insofern fühle er sich als weit gehend unbehelligter "Ausländer im eigenen Land" ziemlich wohl.

Wie in seinen mittlerweile elf Romanen verstand es Irving blendend, sein Publikum ebenso witzig wie intelligent zu unterhalten. Ein Seitenhieb auf die US-Kritik und republikanische Snobs, die keine Bücher lesen, hier, eine Anekdote über seinen Freund Stephen King da. So habe ihm dieser einen ordentlichen Schrecken eingejagt, als er über die als Ringkampf-Sparringspartner dienenden Sandsäcke in Irvings Haus meinte: "Du weißt, dass sie nachts lebendig werden?"

Launiger Erzähler

Mit zunehmender Dauer des Abends erwies sich der große Fabulierer Irving auch im Gespräch immer mehr als launiger Erzähler. Zur Freude des Publikums sprach er dabei auch bereitwillig über sein eigenes Leben, das teils für die Handlung von Bis ich dich finde Pate stand. Ehe er über das Verhältnis zu seiner Mutter sprach und sich abschließend in einer expliziten, an die brachialeren Szenen von Monty Python gemahnenden Beschreibung des letzten Unfalls seiner Ringerlaufbahn - zerstörter Finger in der Nase eines Sparringspartners - erging, gewährte Irving jedoch auch einige Einblicke in seine Romanwerkstatt.

Ganze 18 Monate ist er an der Planung von Bis ich dich finde, mit 1140 Seiten in der deutschen Übersetzung sein mit Abstand dickster Roman, gesessen. Wie bei ihm üblich, sei zuerst der letzte Satz dagestanden, dann das Schlusskapitel, davon ausgehend habe er sich dann den Rest der Handlung erschrieben.

Während es unter Autoren heute ein Stehsatz ist, dass sie am Anfang eines Buches nicht genau wüssten, wo dieses hinführen und was mit den Figuren passieren werde, ist Irving ein minuziöser Planer seiner Werke: "Es gibt keinen Zufall in guten Romanen." Für den leidenschaftlichen Handwerker im Dienste seiner treuen Leserschaft besteht der größte Kick bei der Arbeit darin, den Text wieder und wieder umzuschreiben. Im aktuellen Fall nahmen die Überarbeitungen nicht weniger als dreieinhalb Jahre in Anspruch.

Weg vom "Ich"

Die letzte Änderung in Bis ich dich finde betraf die Erzählperspektive. Habe Irving das Buch ursprünglich in der Ichform geschrieben, "um beim Schreiben dem Protagonisten Jack Burns nahe zu sein", entschied er sich letztlich doch für die dritte Person: "Die erste Person hätte die Leser nur abgelenkt." Überhaupt bevorzuge er das "Er", weil es schneller sei, weil sich Handlungsvorgänge wie beim Off-Kommentar im Film schön raffen ließen.

Auch über seinen nächsten Roman sprach John Irving bereits. Es würde wohl ein kürzeres Werk werden, die Planungsphase habe diesmal gerade einmal sechs Monate in Anspruch genommen, so kurz wie noch nie. Ein gutes Zeichen? "Vielleicht heißt das auch nur, dass es ein schlechtes Buch wird."

Schließlich wurde auch die Frage nach der Herkunft seiner teils bizarren, einander oft ähnelnden Stoffe gestellt. Seine Themen habe er sich nicht ausgesucht, antwortete Irving. Inzwischen verhalte es sich, "als würde mir eine innere Stimme sagen: ,Sie meinen, Sie haben schon genug darüber geschrieben? Nein, das haben Sie nicht!'". (DER STANDARD, Printausgabe, 21.2.2006)

Von Sebastian Fasthuber

Die Aufzeichnung von "Zeitgenossen im Gespräch" hören Sie am Donnerstag, 23. 2., um 21.01 auf Ö1
  • Mitunter sei er es leid, in Europa Fragen über "den aktuellen Idioten im Weißen Haus" zu erdulden: John Irving im Burgtheater.
    foto: standard/robert newald

    Mitunter sei er es leid, in Europa Fragen über "den aktuellen Idioten im Weißen Haus" zu erdulden: John Irving im Burgtheater.

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