Später Lorbeer für Blutdruckforscher

27. Februar 2006, 13:40
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Der 1934 geklärte Zu­sammenhang zwischen Nierenfunktion und Blut­hochdruck wird einem US-Forscher zuge­schrieben - Ein Öster­reicher hatte ihn jedoch schon zuvor erkannt

Innsbruck - Die Pumpleistung des Herzens galt lange Zeit als Hauptregulator für den Blutdruck. Der Widerstand in den Gefäßen wurde erst später als weitere Ursache erkannt. Dass darüber hinaus die Funktion der Niere eine wichtige Rolle bei der Druckregulation spielt, ist erst seit einer US-Publikation aus 1934 bekannt - doch hätte die Scientific Community dies schon früher wissen können, wenn sie die Veröffentlichung eines österreichischen Forschers gelesen hätte.

US-Forscher Harry Goldblatt veröffentlichte damals im Journal of Experimental Medicine eine Arbeit über die künstliche Erzeugung von Bluthochdruck durch das Verengen der Nierenarterien.

Diese Arbeit stellt bis heute eine der meist zitierten Publikationen in der Medizingeschichte dar, begründete einen Boom in der Hypertonieforschung und führte zur Aufklärung der Rolle des Hormons "Renin", das in der Niere produziert wird und eine Kaskade von molekularen Prozessen auslöst, die den Druck regulieren. Über diesen "Goldblatt-Mechanismus" genannten Vorgang ist der Name des US-Physiologen bis heute in allen medizinischen Lehrbüchern verewigt.

Zu Unrecht, wie Bernhard Glodny von der Medizinuniversität Innsbruck herausfand: Der aus Österreich stammende Johann Lösch hatte dies schon ein Jahr früher publiziert, berichten nun die Annals of Internal Medicine.

Schon 1927 publiziert

Johann Lösch studierte an der Deutschen Universität Prag, emigrierte 1924 in die USA. Dort nahm er seine Forschungen zum Bluthochdruck auf und veröffentlichte schon 1927 erste Ergebnisse dazu. 1933 erschien jener Beitrag im Zentralblatt für Innere Medizin, in dem Lösch demonstrierte, wie sich durch Drosselung der Blutzufuhr in Nierenarterien bei Hunden ein künstlicher Bluthochdruck erzeugen lässt. Damit stand erstmals ein stabiles Modell für die Hochdruckforschung zur Verfügung, wurde die Vermutung bestätigt, dass die Funktion der Niere mit dem Bluthochdruck zusammenhängt.

"Lösch hatte nicht nur fast die gleichen Experimente wie Goldblatt durchgeführt, seine Schlussfolgerungen waren sogar weit reichender", schreibt Glodny, der zufällig draufkam: In seiner Familie trat ein Fall von Bluthochdruck auf, für den die Ärzte keine Erklärung fanden. Glodny durchforstete darauf im Keller der Universitätsbibliothek Münster, wo er Medizin studiert hatte, die entsprechende Literatur, stieß dabei auf Löschs Arbeiten.

Lehrbücher umschreiben

Warum dieser im Gegensatz zu Goldblatt im Dunkel der Geschichte versank, erklärt Glodny so: Lösch habe seine Arbeit auf Deutsch publiziert, in einem finanziell instabilen Umfeld gearbeitet und nach Veröffentlichung seiner Arbeit das Forschungsfeld Bluthochdruck verlassen.

Klar ist für Glodny aber, dass Lehrbücher und Medizingeschichte umgeschrieben gehörten: "Beide sollten für ihren Beitrag zur Erforschung des Bluthochdrucks gleichermaßen gewürdigt werden."

Hypertonie zählt heute zu den größten Risikofaktoren für Hirnschlag, Herzinsuffizienz und Herzinfarkt. Die Ursachen sind neben genetischer Veranlagung und organischen Erkrankungen vor allem Ernährung und Lebensstil. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.2. 2006)

Von Andreas Feiertag
  • Pumpleistung des Herzens (Modell) ist nur ein Regulator für Blutdruck. Hypertonie erhöht Infarktrisiko.
    foto: der standard/uni hongkong

    Pumpleistung des Herzens (Modell) ist nur ein Regulator für Blutdruck. Hypertonie erhöht Infarktrisiko.

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