Die Mathematik des Grauens

26. Februar 2006, 19:44
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Horrorfilme: Mit nicht ganz ernst gemeinten mathematischen Theorien lässt sich der ultimativen Schauer finden

Derzeit laufen in den Kinos wieder einige Horrorfilme. Den ultimativen Schauer wird man da vielleicht nicht erleben - aber den kann man ja mit nicht ganz ernst gemeinten mathematischen Theorien finden.

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Die ureigene Lust des Menschen am Grauen dürfte dafür verantwortlich sein, dass Zombie-, Horror- und Splattermovies nicht nur hartgesottene Kinobesucher anziehen und oft zu beträchtlichen Publikumserfolgen werden. Dennoch gibt es nur wenige Filme, die als Meisterwerke ins cinematografische Gedächtnis eingehen - so wie Hitchcocks "Psycho", Romeros "Night of the Living Dead", Carpenters "The Fog - Nebel des Grauens" (dessen Neuverfilmung gerade in den Kinos läuft) oder Kubricks "The Shining".

Doch was macht einen idealen Nervenkitzel aus, wie wird der optimale Schauer über den Rücken erzeugt, wie viel Blut ist notwendig, um gerade so weit abstoßend zu wirken, dass es wieder anziehend ist? Das fragte sich ein Team von Mathematikern am King's College in London, das eine Formel für den ultimativen Schocker entwickelte. Die Ingredienzen liegen auf der Hand: Spannungsaufbau, Schreckeffekte, eine möglichst unheimliche Umgebung und die richtige Mischung aus Realismus und Fantasie gehören zu den Parametern, welche die Wissenschafter in eine Formel gossen. Das Ergebnis: "The Shining" kommt dem Ideal am nächsten.

"Es gibt Versuche mannigfaltiger Art, in der Kunst wie in der Politik, mit mathematischen Formeln etwas zu beschreiben. Das sind aber nur Hypothesen", kann der Mathematiker und Spieltheoretiker Alexander Mehlmann der Formel wenig wissenschaftlichen Gehalt abgewinnen. "Man kann alles mit Zahlen belegen", meint auch Rudolf Taschner, Professor am Institut für Analysis und Scientific Computing an der Technischen Universität Wien, "ob das rational ist, ist eine andere Frage." Ebenso sieht der Physiker Heinz Oberhummer, der Schülern mithilfe von Clips aus Blockbustern die Naturwissenschaften näher bringen will, im Filmbusiness kein Betätigungsfeld für ernsthafte Mathematiker. Für empirische Untersuchungen darüber, was den Zuschauer am meisten fesselt, seien eher die Sozialwissenschaften oder die Psychologie zuständig.

Der rationale Vampir

Einen anderen, nämlich bewusst satirischen Zugang hat Alexander Mehlmann, der am Institut für Wirtschaftsmathematik der TU lehrt, für die Auflockerung abstrakter Zahlengebilde gewählt. In seinem "Einmaleins der Vampire", das in (seriösen) Fachzeitschriften erschien, hat er eine mathematische Theorie entwickelt, die enthüllt, nach welcher Strategie Vampire ihre Opfer wählen und warum heutzutage keine Vampirerscheinungen mehr auftreten.

Mehlmanns "transsylvanisches Dilemma" besagt, dass sich mit jedem Biss der Vorrat an Menschen verringert und sich die Zahl der Vampire entsprechend erhöht. Und weil auch ein Vampir rational an morgen denken muss, wie Mehlmann sagt, wurde vor einem halben Jahrhundert der Schwellenwert erreicht, an dem die Regeneration der Menschenbestände Vorrang hat. Die mathematisch fundierte Theorie basiert auf einem klassischen Modell zur optimalen Ausbeutung von Ressourcen. Und wann schlagen die Vampire wieder zu? "In Bälde", schmunzelt Mehlmann geheimnisvoll. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.2.2006)

Von Karin Krichmayr
  • Wenn das Blut fließt so wie hier auf dem Plakat von "Saw II": Mathematiker versuchen die Theorie des Schreckens zu finden.
    foto: der standard

    Wenn das Blut fließt so wie hier auf dem Plakat von "Saw II": Mathematiker versuchen die Theorie des Schreckens zu finden.

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