Neue Technologien riechen können

26. Februar 2006, 19:34
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Heinrich Garn, Leiter des Geschäftsbereichs "Smart Systems" in Seibersdorf im STANDARD- über Gefahrenpotenziale und Risiken

In Seibersdorf werden zahlreiche intelligente Sicherheitslösungen entwickelt, die vor allem eines tun sollen: den Menschen entlasten. Peter Illetschko sprach mit Heinrich Garn, dem Leiter des zuständigen Geschäftsbereichs "Smart Systems", über Gefahrenpotenziale und Risiken.

STANDARD: Fühlen Sie sich sicher?
Garn: Nein, niemand kann sich heutzutage vollkommen sicher fühlen. Es existieren Lücken, die auch weit gehend bekannt sind, da muss man gar nicht danach forschen: Verkehr, Energieversorgung, Vertraulichkeit persönlicher und geschäftlicher Daten. Man könnte genügend Beispiele nennen.

Es ist nur die Frage, wie viel Mühe man in Lösungen investiert und ob man darauf achtet, dass es sich um wirklich intelligente und einfache, für den Menschen auch benutzbare Lösungen handelt. Es hat ja keinen Sinn, unendliche viele Schleusen aufzubauen, die äußerst mühsam in der Anwendung sind und deshalb nicht korrekt oder gar nicht angewandt werden.

STANDARD: Was heißt das?
Garn: Eine intelligente Si- cherheitslösung entlastet den User. Das heißt: Ich muss als Aufsichtspersonal bei der Videoüberwachung von Tunnels nicht mehr ständig auf alle Bildschirme schauen, das System macht sich bemerkbar, wenn es Veränderungen erkennt, die eine Gefahr bedeuten können. Der Mensch wird der Aufgabe entbunden, sich nichts entgehen lassen zu dürfen, und kann aufgrund des Systemalarms sofort reagieren.

STANDARD: Reine Überwachung ohne Intelligenz im System ist aber der Alltag. Wie soll sich das ändern?
Garn: Indem sich die Wirtschaft mehr und mehr überzeugen lässt, dass der Mensch hier Entlastungen braucht und so die Sicherheit erhöht wird. Ohne Intelligenz sind solche Systeme "dumm", dann können sie nur ein- und abschalten. Die "Vorinterpretation" des Gefahrenpotenzials ist die große Herausforderung an Sicherheitstechnologieentwickler der Gegenwart.

STANDARD: In Ihrem Geschäftsbereich laufen ja einige Projekte, die einem Sensorsystem die Möglichkeit geben, eine "Vorinterpretation" zu treffen. Können Sie ein Beispiel nennen?
Garn: Der österreichische Autobahnnetzbetreiber Asfinag wird so genannte "Verkehrsbeeinflussungsanlagen" errichten. Wir entwickeln intelligente Anlagen, die Situationen wie Stau erkennen und untereinander kommunizieren.

So können Verkehrsleitsysteme reagieren und z. B. das Tempolimit in einem Abschnitt vor der Stauzone reduzieren, damit der Verkehr auseinander gezogen bleibt. In der Testphase ist ein Sensorsystem, das Kommunikation zwischen Straße und Auto ermöglicht und so zur Verkehrsberuhigung und zu erhöhter Sicherheit beitragen kann.

STANDARD: Die Entwicklung der Kommunikationssysteme im Auto lässt ja schon recht viel zu. Wie weit ist die Entwicklung tatsächlich?
Garn: Das Auto ist da vielleicht gerade im ersten Monat. Vieles ist noch möglich, vieles gibt es auch schon – fahrerlos durch Europa zu fahren zum Beispiel. Die Technologie ist vorhanden, eine benutzbare Anwendung zu bauen ist hier weitaus komplizierter und braucht noch Zeit.

STANDARD: Wäre eine Anwendung im öffentlichen Verkehr – Busse ohne Fahrer, führerlose Taxis – denkbar?
Garn: Ich denke schon, obwohl das heute noch nicht absehbar ist und die Automobilindustrie immer sehr lange Entwicklungsschritte hat – sieben Jahre sind das. Da müssten auch Verkehrskonzepte grundlegend überdacht werden, was natürlich nicht von heute auf morgen funktionieren kann.

STANDARD: Wie erkennen Sie, wann der richtige Zeitpunkt für eine neue Technologie gekommen ist?
Garn: Das ist sicher eine der größten Herausforderungen für die industrielle Forschung. Ich muss eine neue Technologie riechen können, das heißt, ich muss über Bedürfnisse am Markt Bescheid wissen. Manchmal bin ich da sicher auch zu früh dran – das ist uns auch schon passiert – aber dieses Risiko trage ich gern.

STANDARD: Gibt es da Druck von wirtschaftlicher Seite? Heißt es da mitunter: Macht schneller, wir brauchen Ergebnisse?
Garn: Natürlich gibt es Druck. Wir sind da als Forscher im industriellen Bereich auch in einer Konkurrenzsituation. Aber genauso wie man den richtigen Zeitpunkt erwischen sollte, muss man sich auch die nötige Zeit für eine brauchbare Entwicklung nehmen können. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.2. 2006)

  • Smart-Systems-Chef Heinrich Garn glaubt, dass die Entwicklung der Autoelektronik erst am Anfang steht.
    foto: der standard/hendrich

    Smart-Systems-Chef Heinrich Garn glaubt, dass die Entwicklung der Autoelektronik erst am Anfang steht.

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