Massenhaft Spritzen und Medikamente

20. Februar 2006, 18:13
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Perner aus Angst vor Ver­haftung abgereist

Sestriere - "Für mich ist es vorbei, ich brauche Biathlon nicht mehr zu machen." Wolfgang Perners Aussage nach seiner überstürzten Abreise von den Olympischen Winterspielen klang nach einem Schuldeingeständnis. Der 38-jährige Steirer ist aus Angst vor einer Verhaftung durch die italienischen Behörden noch in der Nacht auf Sonntag in die Heimat zurückgefahren, nachdem bei der Razzia im Haus der ÖSV-Biathleten in San Sicario in seinem Zimmer verdächtige Gegenstände gefunden worden waren.

Perner war gemeinsam mit Wolfgang Rottmann nach einem Gespräch mit Cheftrainer Alfred Eder abgereist, dem es nicht gelang, das Duo umzustimmen. Von seinem Ausschluss aus dem ÖOC-Team durch Präsident Leo Wallner musste Perner aus dem TV erfahren. "Irgendwie ist es verständlich, aber ich habe damit gerechnet, dass alle Bescheid wissen, dass wir weg sind" sagte der Ramsauer.

"Musste mich zwei Mal völlig nackt ausziehen"

Die Razzia hatte Perner schwer mitgenommen. Der Senior unter den ÖOC-Athleten in Turin sprach gegenüber der APA von einer "menschenunwürdigen Vorgangsweise" der beteiligten Beamten. "Ich musste mich hinstellen und mich zwei Mal völlig nackt ausziehen", erklärte Perner. Ein Carabiniere sei in der Tür gestanden, ein Ermittler in Zivil habe das Zimmer auf den Kopf gestellt und alle Dinge auf das Bett geworfen. Danach sollte der Olympia-Dritte von 2002 einen Bericht unterschreiben. "Ich habe mich geweigert, weil ich nicht Italienisch verstehe, da sind sie richtig rabiat geworden. Ich habe Angst gehabt", schilderte Perner die Situation.

"Nach der Durchsuchung wollte ich nur noch weg. Ein Südtiroler Carabiniere hat mir gesagt, dass Sachen dabei waren, die ich nicht haben dürfte", meinte Perner. "Ich dachte mir, ich fahre weg, bevor sie mich verhaften und ich meine Familie nicht mehr sehe." Der Steirer sagte, im Abfallkübel seien Spritzen und Nadeln gefunden worden.

Verbotene Substanzen?

Ob dies verbotene Substanzen gewesen seien, wollte Perner nicht bestätigen. "Da muss man warten, was rauskommt. Wenn offengelegt wird, was gefunden wurde, werde ich dazu Stellung nehmen." Dass er jener Athlet gewesen sei, der einen von den Carabinieri gefundenen Sack mit Spritzen aus dem Zimmerfenster geworfen habe, stellte Perner vehement in Abrede.

Laut Aussagen des zuständigen italienischen Anti-Doping-Staatsanwaltes Raffaele Guariniello am Montagmittag wurden Unter anderem 100 Spritzen, 30 Packungen mit Medikamenten, darunter Asthma-Mittel und Anti-Depressiva, aufgefunden worden. Dazu sollen Apparate für Blut-Tests und Blut-Transfusionen beschlagnahmt worden sein. Schriftliche Erklärungen, Bestätigungen und Protokolle liegen bis dato nicht vor.

Markus Gandler, Nordischer Direktor für Biathlon und Langlauf, dazu: "Zu dieser Meldung mit 100 Spritzen und Bluttransfusions-Apparaten: Das ist uns nicht bekannt. Das gibt's ja nicht, dass die Medien mehr wissen als wir".

Diskussion um Nominierung

Österreichs bisher einziger Olympia-Medaillengewinner im Biathlon hatte schon eine Stunde vor Beginn der Polizeiaktion mit seiner Heimreise geliebäugelt. Cheftrainer Alfred Eder hatte ihm mitgeteilt, dass er nicht für die Staffel am Dienstag nominiert sei. "Da habe ich ihm gesagt, ich bin so enttäuscht, dass ich am liebsten heimfahren würde. Denn von der Staffel hätte ich mir viel erwartet, das wäre mein Highlight gewesen."

Die Diskussion um die Nominierung - auch Sportdirektor Markus Gandler war involviert - dauerte eine Stunde. "Ich verstand es nicht, warum so wie bei der WM in Hochfilzen wieder ich der fünfte Mann sein sollte", erzählte Perner von seiner Enttäuschung. Nach der Razzia rückten diese Dinge weit in den Hintergrund. (APA)

  • Perner bei der Durchsuchung.

    Perner bei der Durchsuchung.

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