Frankfurter Kritikeraustreibung

13. Juni 2006, 15:47
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Thomas Lawinky und sein Verhältnis zu Rezensenten: Ionescos "Das große Massakerspiel" im Frankfurter Schauspiel

Schon die bloße Nacherzählung des Vorfalls enthüllt ein gerütteltes Maß an Peinlichkeit. Anlässlich der Neuinszenierung des Ionesco-Stückes Das große Massakerspiel. Oder Triumph des Todes am vergangenen Donnerstag im zweiten Saal des Frankfurter Schauspiels, das bekanntlich von der Wienerin Elisabeth Schweeger geleitet wird, wurde der Schauspieler Thomas Lawinky gegen den berühmten Schauspielkritiker Gerhard Stadelmaier auf mehrfache Weise ausfällig.

"Verpiss dich!"

Zunächst entriss Lawinky nach rund 20 Aufführungsminuten dem verdutzten Rezensenten dessen Spiralblock, scheiterte aber an dem Versuch, die darin fest gehaltenen Notate dem Publikum spontan vorzutragen. Als es Stadelmaier daraufhin vorzog, der Aufführung nicht länger beizuwohnen, brüllte der entfesselte Mime dem betroffen Fliehenden einige Grobheiten nach: "Hau ab, du Arsch! Verpiss dich!" Abgang! Daraufhin: noch ein Abgang. Auf Geheiß der Frankfurter Oberbürgermeisterin Roth (CDU) beendete das Frankfurter Schauspiel das Arbeitsverhältnis mit Lawinky umgehend - "einvernehmlich". Schweeger entschuldigte sich telefonisch bei Stadelmaier, eine Selbstbeknirschung Lawinkys "in aller Form" soll folgen.

Der bedenkliche Vorfall ist umso besser dokumentiert, als Stadelmaier selbst das Feuilleton der FAZ mit einem Erlebnisbericht versah. Stadelmaier, ein erlesener Stilist, im Urteilfällen selbst ohne alle Zimperlichkeit, sieht sich "beschmutzt, erniedrigt, beleidigt". Man darf es ihm gewiss nachfühlen. Stadelmaier benutzt die Chronik der Ereignisse freilich auch dazu, diesen "Anschlag auf die Pressefreiheit" als angeblich folgerichtigen Ausdruck einer von ihm seit jeher scharf verurteilten Spielart des blutjungen Gegenwartstheaters zuzurechnen: dem "Mitmachtheater".

Ungezügeltes, Überschüssiges

In dessen Obliegenheiten falle, so suggeriert der Kritiker, das Herumspritzen mit Körpersäften, die Feier des Zotigen, mithin alles Ungezügelte, Überschüssige. Gräuel, die gar nicht häufig vorkommen, aber ein Unbehagen markieren. Noch scheint es keine ausgemachte Sache, wessen Unbehagen schwerer wiegt: die Verzweiflung von Künstlern, die mit Realien hantieren, weil ihnen die Verabredungen des Theaters schal erscheinen. Oder die Fluchtimpulse angeekelter Besucher.

Abgelaufen scheint jedenfalls die Zeit der Großkritiker, die kraft erworbener Deutungshoheit bis ehedem den Kurs der Theateraktien mitzubestimmen meinten. Ein sittenwidriger Vorfall mag immerhin verspätet als Beleg dafür dienen. (Ronald Pohl, DER STANDARD Printausgabe, 20.02.2006)

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